Gregor Brand

Die Intelligenz der Gesellschaft

Anmerkungen zu dem Buch von Volkmar Weiss:
„Die IQ-Falle. Intelligenz, Sozialstruktur und Politik“


(Graz: Leopold Stocker, 2000.  ISBN 3-7020-0882-9. 312 Seiten)


Individuelle und kollektive Intelligenzunterschiede sind Phänomene von zentraler, aber noch immer erheblich unterschätzter Bedeutung für die Erklärung von gesellschaftlichen Entwicklungen. Den bisher aufsehenerregendsten und meistdiskutierten Beitrag über den Zusammenhang von Intelligenz und Sozialstruktur lieferte in den Neunziger Jahren das nach wie vor sehr lesenswerte grundlegende Werk von Richard J. Herrnstein/Charles Murray (The Bell Curve. Intelligence and Class Structure in American Life. New York etc., 1994). Was die grundsätzliche Thematik des Zusammenhangs von Intelligenz und Sozialstruktur angeht, so folgt Volkmar Weiss mit seinem Buch  „Die IQ-Falle“ zwar in gewisser Weise diesem amerikanischen Vorgänger, aber er geht bei seiner Darstellung ganz eigene hochinteressante Wege. Um deren Hintergrund zu verstehen, ist es sinnvoll, einen Blick auf den ungewöhnlichen wissenschaftlichen Werdegang des Verfassers zu werfen, der die seltene Qualifikation in sich vereinigt, sowohl habilitierter Naturwissenschaftler als auch habilitierter Sozialwissenschaftler zu sein.

Dr. rer. nat. habil. Dr. phil. habil. Volkmar Weiss wurde 1944 in Zwickau/Sachsen geboren. Sein Vater Heinz Weiss fiel als Leutnant einen Monat vor Ende des 2. Weltkriegs. Weiss gehörte damit - auch dies ist ein Aspekt der Evolution der Intelligenz - zu jenen Kindern, deren Väter Opfer des 2. Weltkrieges wurden, und deren spätere herausragende Lebensleistung einmal mehr ermessen lässt, welcher nicht nur menschliche, sondern auch kulturelle und genetische Verlust  - auf Seiten aller Kriegsparteien -  dadurch eingetreten ist, dass durch den Tod von Millionen in den meisten Fällen noch kinderloser Soldaten und Zivilisten zahlreiche Leben vorzeitig beendet wurden beziehungsweise erst gar nicht zur Entstehung gelangt sind. Nach dem Abitur im Jahr 1962 studierte Weiss zunächst Germanistik und Geographie an der Universität Leipzig, dann in Leipzig und Ostberlin Biologie und Anthropologie. 1970 erwarb er sich den Titel eines Diplom-Biologen mit einer empirischen Arbeit zur Blut- und Serumgruppengenetik der sorbischen Minderheit in der Lausitz. Zwei Jahre später promovierte er mit einer wegweisenden und für einen sozialistischen Staat thematisch geradezu sensationellen Arbeit zur Genetik der Intelligenz („Ergebnisse zur Genetik der mathematisch-technischen Begabung, erzielt mit soziologischer Methodik“, Humboldt-Univ. Berlin 1972). Weiss hatte die 1329 erfolgreichsten Teilnehmer der DDR-Mathematik-Olympiaden (IQ-Durchschnitt: 135) untersucht und Daten über rund 23000 Verwandte dieser Hochbegabten erhoben und wissenschaftlich ausgewertet. 1974 wechselte er an die Deutsche Hochschule für Körperkultur (Leipzig), wo man offenbar sein genetisches Fachwissen für die Optimierung sportlicher Leistungen nutzbar machen wollte. Weiss veröffentlichte in der Folge in der Tat wichtige Arbeiten zur genetischen Statistik und Prognostik. 1977 ging er an das Zentralinstitut für Jugendforschung (Leipzig), wo er seine Untersuchungen an den Mathematik-Hochbegabten fortsetzen konnte. Diese Tätigkeit gipfelte in der Monographie „Psychogenetik: Humangenetik in Psychologie und Psychiatrie“ (1982), für die Volkmar Weiss stolz in Anspruch nahm, dass dies die einzige seriöse Monographie war, die je in einem kommunistischen Staat zu dieser Thematik erschienen ist. Dieses Buch hätte es verdient gehabt, in großem Umfang im Westen verbreitet worden zu sein und man kann nur bedauern, dass dies aufgrund der damaligen politischen Verhältnisse nicht geschehen ist. Die Fülle des in dieser Studie präsentierten Materials zur Genetik der Intelligenz hätte die bildungspolitische und die pädagogische Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland nur positiv beeinflussen können. 1984 wurde Weiss Mitarbeiter des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften (Ostberlin), wo er sich nun vorzugsweise mit genealogischen Untersuchungen und ihrer Bedeutung für die Sozialgeschichte befasste, ohne dabei den Aspekt der Auswirkung unterschiedlicher Begabungsgrade auf die Gesellschaft aus den Augen zu verlieren. Diese Schaffensperiode wurde abgeschlossen mit einer bemerkenswerten Habilitationsarbeit zur Sozialgeschichte Sachsens (Bevölkerung und soziale Mobilität: Sachsen 1550 - 1880. Berlin 1993). Im Jahr 1990 wurde Weiss zum Leiter der Deutschen Zentralstelle für Genealogie (Leipzig) berufen. In den folgenden Jahren veröffentlichte er über die von ihm bereits vorher bearbeiten Gebiete hinaus auch auf dem Feld der Gehirnforschung höchst anspruchsvolle grundlagentheoretische Beiträge, die die Beachtung und Anerkennung führender Intelligenzforscher wie Prof. A. Jensen (Berkeley) oder Prof. H.J. Eysenck (London) fanden. Weiss, der ein ausgesprochener Homo politicus ist und sich der politischen Bedeutung seiner Forschungen sehr wohl bewusst ist, engagierte sich im engeren Sinn politisch vor allem in der Zeit der Wende. Er gehörte zu den wichtigsten Teilnehmern der berühmten Leipziger Montagsdemonstrationen; vorübergehend war er Vorsitzender der DSU in Leipzig.

Die in diesem Lebenslauf zum Ausdruck kommende kontinuierliche Verzahnung humangenetischer mit psychologischen, sozialwissenschaftlichen und historischen Fragestellungen ist auch für die „IQ-Falle“ kennzeichnend (Der vom Verlag zu verantwortende allzu plakative und irreführende Titel wird dem wissenschaftlich ausgerichteten Inhalt des Buches - ganz im Gegensatz zum sachlichen Untertitel - nicht gerecht). Was die biographischen Daten jedoch noch nicht wiedergeben haben, das sind die jahrelangen Konflikte, die Weiss wegen seiner Beschäftigung mit der nicht nur für einen sozialistischen Staat politisch brisanten Thematik von Vererbung und Intelligenz auszutragen hatte. So wurde - um nur diese wenigen Beispiele zu nennen - nicht nur seine Dissertation der Geheimhaltung unterworfen und seine Arbeit zur Psychogenetik erst 1990 - also nach Beseitigung der SED-Diktatur -  als Habilitationsschrift anerkannt, sondern vor allem war er auch von den gerade Wissenschaftler zutiefst behindernden typischen Einschränkungen eines kommunistischen Staates betroffen, etwa was internationale Forscherkontakte oder den ungehinderten Zugang zu Informationsquellen anging.

Zentraler Ausgangspunkt der Arbeit von Weiss ist die von naturwissenschaftlich orientierten Intelligenzforschern mittlerweile ganz überwiegend als gesichert angesehene Erkenntnis, dass Intelligenz - verstanden als als generelle Leistungsfähigkeit des Organs Gehirn und messbar durch Intelligenztests -  primär genetisch determiniert ist. Bereits in seinem oben erwähnten Werk von 1982 hatte Weiss zahlreiche überzeugende Belege und Untersuchungen dafür angeführt, dass es weder Erziehung noch soziale Schicht sind, die hauptsächlich darüber entscheiden, wie intelligent ein Kind wird, sondern dessen Gene. Schon damals waren zahlreiche Erbanlagen bekannt, die einen direkten Einfluss auf das Gehirn und speziell die Intelligenz haben. Auch damals gab es schon Zwillings- und Adoptionsstudien, die für vorurteilsfreie Wissenschaftler kaum Zweifel an der starken genetischen Komponente der Intelligenz zuließen. Ebenso eindeutig in ihrer Summe waren die Schlussfolgerungen, zu denen man aufgrund zahlreicher Untersuchungen aus dem Bereich der Genealogie kommen musste, wobei gerade diese Arbeiten Weiss so präsent sind wie wohl nur wenigen anderen deutschen Wissenschaftlern. In all diesen Bereichen sind in den letzten 20 Jahren zahlreiche neuere Untersuchungen hinzugekommen und haben die Auffassung von der Erbabhängigkeit der Intelligenz weiter bestätigt und vertieft. Weiss war jedoch nicht damit zufrieden, die prinzipielle Bedeutung der Vererbung für die Intelligenz festgestellt zu haben, sondern er wollte auch wissen, welche konkrete Art von Erbgang dieser Vererbung zugrundeliegt. Seine Forschungsarbeit an den mathematisch Hochbegabten der früheren DDR und ihren Verwandten, die in ihrer Bedeutung meines Erachtens der berühmteren Terman-Studie nicht nachsteht, führte ihn dabei zu der Überzeugung, dass die Vererbung der Intelligenz einem einfachen mendelschen Erbgang folgt. Danach hängt der Grad  der allgemeinen Intelligenz von einem autosomal rezessiven Allel ab (M1). Liegt dieses in homozygoter Form vor (M1M1), dann wird der betreffende Mensch hochintelligent sein (Durchschnitts-IQ: 130), das heißt zu den rund 5 Prozent Intelligentesten gehören. Fehlt dieses Allel und liegt statt dessen der Genotyp M2M2  vor, dann gehört der Betreffende zur etwas mehr als zwei Drittel der Bevölkerung ausmachenden Gruppe der unterdurchschnittlich Begabten (IQ um 94). Ist jemand in Bezug auf dieses Intelligenzgen heterozygot (M1M2), dann wird er zur rund ein Viertel der Bevölkerung der Industriestaaten ausmachenden Mittelgruppe gehören, deren Durchschnitts-IQ bei etwa 112 liegt; dabei ist hier von den Werten der gängigen Standardintelligenztests auszugehen. Dieses monogenetische Modell erlaubt für nicht unbeträchtliche Teile der Bevölkerung eine Vorhersage der Intelligenz der Kinder eines Paares, wenn der IQ der Eltern bekannt ist. Kinder eines Paares, bei dem beide Partner hochbegabt sind (M1M1) sind, werden immer auch selbst hochbegabt sein (von Unfällen und Krankheiten einmal abgesehen). Kindern eines Paares, bei dem beide Partner unterdurchschnittlich intelligent sind (M2M2), fehlen dagegen die genetischen Voraussetzungen für die Entwicklung einer Hochbegabung.  Gehören beide Partner zur Mittelgruppe (M1M2), dann sind nach den üblichen mendelschen Regeln verschiedene Kombinationen möglich: Die Kinder eines Paares der Mittelgruppe können allen drei Intelligenzgruppen angehören. Weiss stellt in dem vorliegenden Buch seine revolutionäre Theorie der Vererbung der Intelligenz ausführlich dar und präsentiert in diesem Zusammenhang die Ergebnisse seiner Hochbegabtenstudien erstmals einer breiteren Öffentlichkeit.

Das von Weiss entwickelte Vererbungsmodell der Intelligenz muss naturgemäß auf den erbitterten Widerstand derer stoßen, die glauben, Intelligenz sei durch Sozialisation und Ausbildung prinzipiell beliebig gestaltbar. Wenn man die Diskussionen im Gefolge der PISA-Studie verfolgt, so scheint es tatsächlich die Auffassung vieler Politiker und überhaupt mancher Kreise der Bevölkerung zu sein, dass man durch geeignete und möglichst früh einsetzende Förderung jedes Kind zu intellektuellen Hochleistungen bringen kann. Dieser Auffassung stehen die Forschungen von Weiss ebenso wie die Ergebnisse zahlreicher anderer Studien diametral entgegen. Von größter Bedeutung für die gesellschaftliche und politische Diskussion des Zusammenhangs von Vererbung und Intelligenz ist nun allerdings die Feststellung, dass sich nach dem Modell von Weiss von einer Generation zur nächsten ein grundlegender Wechsel des Intelligenzniveaus vollziehen kann - trotz der Erbgebundenheit der Intelligenz. Ein Mensch von bescheidenen Geistesgaben (M2M2) kann durchaus eine hochbegabte Enkelin (M1M1) haben und ein Hochbegabter (M1M1) kann einen nur unterdurchschnittlich begabten Enkel (M2M2) haben. Da heutzutage die Schichtzugehörigkeit eines erwachsenen Menschen sich in den meisten Fällen nicht mehr primär direkt aus der Zugehörigkeit seiner Eltern zu einer bestimmten Schicht ergibt, sondern vom erreichten eigenen beruflichen und sozialen  Status abhängt - und dieser wiederum im Durchschnitt ganz entscheidend vom Grad der Intelligenz bestimmt wird - bedeutet die erwähnte Wandelbarkeit der Intelligenzhöhe zwischen den Generationen, dass die genetische Determiniertheit der Intelligenz keineswegs zu einem starren Kastensystem führen muss, wie dies offenbar manche sachunkundigen Kritiker dieses Konzepts glauben. Weiss zeigt im Gegenteil immer wieder auf, dass es gerade die genetische Dynamik der Intelligenz ist, die zu sozialem Wandel führt. Es ist in erster Linie ihr genetisches Potenzial, dass es begabten Kindern aus der Unter- und Mittelschicht ermöglicht, in Oberschichtberufe aufzusteigen, sofern man dies nicht durch Zwang verhindert. Weiss sieht es zu Recht als ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit an, sozialen Auf- und Abstieg entsprechend den individuell vorhandenen oder nicht vorhandenen Fähigkeiten zuzulassen.

Mit seiner Theorie zur monogenetischen Vererbung der Intelligenz steht Weiss im Widerspruch zur derzeit herrschenden Meinung, die zwar die primär genetische Verankerung der Intelligenz anerkennt, aber ein - auch politisch weniger problematisches - polygenetisches Modell bevorzugt, wonach der Grad der Intelligenz von vielen Genen abhängen soll. Wahrscheinlich beruht dieser Konflikt - zumindest zum Teil - nur auf einer unterschiedlichen Definition und Sichtweise. Jedes Naturphänomen - so auch die Leistungsfähigkeit des Gehirns - ist von vielen Bedingungen abhängig; die Frage ist nur, ob man alle diese Bedingungen als kausal in die Betrachtung einbezieht oder aber nur die letztlich ausschlaggebende oder prägende Bedingung. Wenn man sich etwa die Frage stellt, ob ein einziges Gen oder viele Gene für die Farbe des Haupthaares eines Menschen bedeutsam sind, so kann man demjenigen kaum widersprechen, der behauptet, alle Gene, die für die Entwicklung des Kopfes notwendig sind, seien auch für die Farbe des Haares notwendig: Ohne Kopf keine Kopfhaare.  Ebenso sind im Grunde alle Gene, die zur Entwicklung des Gehirns unerlässlich sind, für die Ausbildung der Intelligenz notwendig. Aber die entscheidende Frage ist doch, ob es nicht ein einzelnes Gen gibt, dass ganz speziell darüber unterscheidet, in welchem Ausmaß die allgemeine Intelligenz („g) vorhanden ist. Anderen Vererbungsmodellen hat das von Weiss jedenfalls entscheidend voraus, dass es sich an einer großen Untersuchungsgruppe (den Mathematik-Hochbegabten der ehemaligen DDR) bewährt hat und dass es offenbar noch in keinem Fall widerlegt wurde.

Was das Verständnis der Intelligenz selbst angeht, so geht Weiss von dem Informationsverarbeitungsmodell der sogenannten „Erlanger Schule“ aus, wie es vor allem durch Arbeiten von Helmar Frank und Siegfried Lehrl entwickelt worden und von ihm selbst theoretisch weiter ausgebaut wurde. Nach dieser Auffasung ist die entscheidende Basisgröße der Intelligenz die Kurzspeicherkapazität. Diese entscheidet darüber, wieviele Informationen ein Mensch bei Denkvorgängen präsent haben kann. Die Kurzspeicherkapazität setzt sich aus der Gedächtnisspanne des unmittelbaren Behaltens und aus der Informationsverarbeitungs-geschwindigkeit zusammen. Nach Frank und Lehrl, denen Weiss sich anschließt, haben Hochbegabte (M1M1, IQ um 130) eine durchschnittliche Kurzspeicherkapazität von 140 Bit und unterdurchschnittlich Begabte (M2M2, IQ um 95) eine von 70 Bit. Hochintelligente Menschen können also in der gleichen Zeit entscheidend  mehr und schneller Informationen aufnehmen und verarbeiten als weniger Begabte. Dies hat zur Folge, dass sie zu komplexeren Denkprozessen in der Lage sind, was sich vom Kleinkindalter an massiv auf zahlreiche Lebensbereiche und ihre ganze individuelle Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Man muss davon ausgehen, dass unterdurchschnittlich Begabte zu besonders anspruchsvollen intellektuellen Leistungen überhaupt nicht in der Lage sind. Mit anderen Worten: Eine Gesellschaft oder Gruppe, in der nur der Genotyp M2M2 vertreten ist, kann hochkulturelle Leistungen weder hervorbringen noch bewahren. Wahrscheinlich würde eine solche kulturelle Sterilität auch schon dann eintreten, wenn es zwar noch das Intelligenzgen M1 in einer Gesellschaft gibt, aber seine Häufigkeit einen kritischen Grenzwert unterschreitet.

Den Hauptteil des Buches machen detaillierte Ausführungen darüber aus, welche Konsequenzen die unterschiedliche Intelligenzverteilung für eine Gesellschaft hat. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass die Bedeutung der diesbezüglichen Darlegungen von Weiss keineswegs davon abhängt ist, ob man nun von einer monogenetischen oder polygenetischen Theorie der Intelligenzvererbung ausgeht oder ob man sein Informationsverarbeitungsmodell für zutreffend hält oder nicht.  Weiss beschreibt den Zusammenhang von Intelligenz und Sozialstruktur anhand zahlreicher historischer Beispiele, geht aber auch ausführlich auf aktuelle Gesellschaften ein. Er versucht zu begründen, dass in zunehmendem Maß nicht die Herkunft, sondern der Grad der Intelligenz die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten sozialen Schicht determiniert. Die soziale Elite der Zukunft wird also - zumindest in den zivilisatorisch führenden Staaten - weit stärker als in früheren Epochen eine kognitive Elite sein. Die Herkunft der Eltern bleibt hauptsächlich nur insofern von Bedeutung, als sie stark mit bestimmten Intelligenzgraden korreliert. Während früher der hochbegabte Sohn eines Handwerkers, Arbeiters oder Bauern meist auch selbst wieder Handwerker, Arbeiter oder Bauer wurde, so finden sich heute typischerweise die hochintelligenten Kinder auch von Unter- oder Mittelschichteltern in Berufen wieder, für die eine sehr hohe Intelligenz kennzeichnend ist. Es würde hier zu weit führen, alle diejenigen Themen zu benennen oder gar eingehend zu diskutieren, die Weiss bei der Frage nach der Auswirkung der Intelligenz auf die Gesellschaft erörtert. Es sei nur darauf verwiesen, dass er unter anderem den Auswirkungen unterschiedlicher Intelligenz auf das Bildungssystem, auf die Kriminalität oder auf die Familie nachgeht, wobei er auch hier manche Fakten präsentiert, die in den einschlägigen öffentlichen Diskussionen zu kurz kommen.

Der Autor scheut sich erfreulicherweise nicht, auch die provokante Frage nach Intelligenzunterschieden zwischen unterschiedlichen Gruppen zu thematisieren und Überlegungen zu deren Auswirkung auf die jeweiligen Gesellschaften anzustellen. Seit es Intelligenzmessungen gibt, ist festgestellt worden, dass sich nicht nur Individuen im geistigen Leistungsvermögen erheblich unterscheiden können, sondern auch ethnische und in sonstiger Weise - etwa sozial oder religiös - definierte Gruppen. Wer solche Intelligenzunterschiede nicht zur Kenntnis nehmen will, beraubt sich eines wesentlichen Erkenntnisinstrumentes bei der Beurteilung sozialer Gegebenheiten und Entwicklungen und wird deswegen vielfach auch zu grundlegend falschen Schlüssen kommen. Weiss kann sich bei bei seinen Argumentationen auf zahlreiche Intelligenzmessungen stützen, die international zwischen verschiedenen Gruppen teilweise markante Intelligenzunterschiede festgestellt haben. Zu den Gruppen, denen er ein spezielles Kapitel widmet, gehören unter anderem die Juden sowie die Chinesen in Indonesien. Was die Juden betrifft, so geht Weiss unter Berufung auf einschlägige Untersuchungen davon aus, dass ihr Durchschnitts-IQ mit einem Wert von 115  etwa eine Standardabweichung über dem sonstigen europäischen Mittelwert liegt. Dementsprechend schätzt er den Anteil Hochbegabter (M1M1) bei ihnen auf etwa ein Drittel und den Anteil unterdurchschnittlich Begabter (M2M2) auf nur 15 Prozent, während dieser Anteil bei der sonstigen europäischen Allgemeinbevölkerung - wie erwähnt - nicht unter 66 Prozent liegt. Diese phänomenal höhere Durchschnittsintelligenz hat, wie Weiss anhand sozialhistorischer Daten erläutert, enorme soziale, kulturelle und ökonomische Auswirkungen. Ähnliches gilt für die Rolle der Chinesen im asiatischen Raum, die gelegentlich als „Juden des Hinteren Orients“ bezeichnet wurden. Mit diesen wie anderen Beispielen demonstriert Weiss immer wieder die besondere Bedeutung des Intelligenzfaktors für die Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen.    

Gerade durch ihre genetische Verankerung ist die Intelligenz einer Gesellschaft keine Konstante, sondern unterliegt permanenten evolutionären Veränderungen. Denn unterschiedlich intelligente Menschen vermehren sich typischerweise nicht in gleichem Maß und sie sind auch nicht immer in gleichem Umfang von Entwicklungen betroffen, die auf ihren zahlenmäßigen Anteil in der Gesellschaft Auswirkung haben. So können sich etwa durch Ab- und Zuwanderung beträchtliche Verschiebungen des Intelligenzpotenzials in einer Region oder in einem Land ergeben. Weiss geht eingehend auf Fragen der Migration und der Geburtenrate ein, weil sich gerade in diesen Bereichen erhebliche aktuelle Veränderungen in Deutschland ereignen und weitere dramatische Veränderungen abzusehen sind. Er weist im Rahmen seiner Darlegungen zur Demographie der Intelligenz unter anderem darauf hin, dass mittlerweile fast die Hälfte der deutschen Akademikerinnen (bei den männlichen Akademikern sind es kaum weniger) kinderlos bleibt; er hält dies zu Recht für eine soziokulturell bedenkliche Tendenz. Soweit Frauen mit akademischem Abschluss - also die im Schnitt intellektuell höchstqualifizierten - überhaupt Kinder bekommen, liegt ihre durchschnittliche Kinderzahl mit 1, 1 Kindern (im Jahr 1997) nur etwa halb so hoch wie bei Ungelernten (2, 0 Kinder). Dies hat zur Folge, dass sich die genotypische Intelligenz der Deutschen vermindert. Da Hochintelligenz eben nicht beliebig durch pädagogische Maßnahmen herbeigeführt werden kann, wird dies zu einem zunehmenden Problem einer auf die Erzeugung hochwertiger Produkte angewiesenen und höchst differenziert organisierten Gesellschaft: Der Rohstoff Intelligenz wird knapper. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn man das nominelle Ausbildungsniveau erhöhen würde. Prinzipiell ist es zwar möglich, drei Viertel eines Jahrgangs zum Abitur oder die Hälfte zu einem Universitätabschluss zu führen, aber dies geht nur um den Preis einer erheblichen Absenkung der intellektuellen Anforderungen. Um die nicht nur ökonomisch, sondern auch allgemein kulturell negative Entwicklung zu einer kognitiv weniger leistungsfähigen Gesellschaft aufzuhalten - die zudem durch die gegenwärtige Art der Zuwanderung nicht ausgeglichen, sondern eher noch verstärkt wird -  bedarf es effektiver familien- und sozialpolitischer Maßnahmen. Dies gilt um so mehr, als sich die Problematik durch die rapide Überalterung und durch sich verschärfende Integrationsprobleme hier lebender Minderheiten noch vergrößert. Weiss präsentiert konkrete sozialpolitische Vorschläge, wie dem kulturbiologischen  Abwärtstrend Einhalt geboten werden kann, bei dem sich große Teile der intelligentesten Deutschen - sowohl Männer als auch Frauen - durch Kinderlosigkeit aus der Evolution verabschieden und ihre Gene der Karriere und den Zwängen einer kinderfeindlichen und allzu einseitig ökonomisch ausgerichteten „Deutschland AG“ opfern.

Die faszinierende Breite der von Weiss behandelten historischen, soziokulturellen und intelligenztheoretischen Aspekte konnte hier nur angedeutet werden. Sprache und Darstellungsweise seines Buches sind dabei keineswegs diejenige eines nur Fachwissenschaftlern verständlichen wissenschaftlichen Werkes. Dennoch geht Weiss vermutlich zu Recht davon aus, dass „Die IQ-Falle“ ein Buch für ein deutlich überdurchschnittlich intelligentes Publikum bleiben wird. Der Autor hält sich übrigens, wie für einen mutigen und kritischen Individualisten nicht anders zu erwarten, nicht an die Vorgaben der political correctness. So schreibt er - um nur dieses typische Beispiel zu nennen - unbeirrt „Zigeuner“ statt des - fast nur in in Westdeutschland, aber nicht im übrigen Europa -  üblich gewordenen - „Sinti und Roma“.  

Sicherlich könnte man bei manchen der von Weiss genannten Punkte berechtigte Detailkritik üben; alles andere käme angesichts der Fülle des von ihm vorgelegten Materials und der Komplexität der behandelten Themen auch einem Wunder gleich. Darüber darf jedoch nicht der besondere Wert seines Buches in den Hintergrund treten. Dieser Wert besteht, zusammenfassend betrachtet, zunächst darin, dass der Autor hier zum ersten Mal seine brillianten Hypothesen und Arbeiten zur Genetik der Intelligenz einem breiteren Publikum vorstellt und diese Thematik mit einer Analyse der Gesellschaft verbindet. Ein weiteres Verdienst liegt schließlich in der souveränen Zusammenstellung zahlreicher wichtiger Fakten zum Themenkomplex Intelligenz, Sozialstruktur und Politik. Besonderes Lob verdient nicht zuletzt auch der bemerkenswerte Mut, mit dem sich hier ein hochqualifizierter Fachmann höchst kontroverser gesellschaftspolitischer Fragen angenommen hat, die jetzt schon von erheblicher politischer Brisanz sind und es zunehmend noch stärker werden.

Veröffentlicht in: Labyrinth 25 (2002), Nr. 74, 18 - 22

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