Gregor Brand

Ausgewählte Gedichte

(aus: Gesammelte Gedichte I, 2000)
 


 
 


All diese Tage (1996)

Den ganzen Tag
bin ich
ein Schlafloser
zweifelnd und hoffend
einem Heiden gleich zur Zeit
der Wintersonnenwende
wartend auf die Wiederkehr
der Sonne

Am Abend
vielleicht
rufst du an: Und
die ersten Strahlen leuchten
warm auf meinem Gesicht


Deutsch-amerikanisches Poem (1991)

Still ruht der dunkle See

Halt! Ist schon gut, Mann,
okay, okay!
 


Zukunft I (1982)
Der Metzger schneidet schon
Grimassen
Das Schwein
Lacht noch
Bald
Hallt
Das Schlachtgeschrei
Weiter
In der Wurst

Die Feder (1995)
Meine kleine Tochter,
immer noch dreijährig,
kommt freudig angerannt
und ruft:
Papa,
ich hab hier eine kleine
Feder aus meinem Kissen!

Ich, unwirsch, beim Schreiben
gestört: Ja, gut, dann
wirf sie jetzt weg!

Sie: Aber die Feder
ist so schön. Fast
so schön wie du
und auch so lieb!
 


Memento (1996)
Heut scheint die Sonne
Morgen wird es regnen
Und ungewiß ist die Stund
wo wir dem Tod

unserer Liebe begegnen
 


Auf das Leben (1998)
auf das leben
folgt das ewige: licht und
ebbe

im schatten blonder wolken:
am nun schweigenden strand
salzglitzernden meeres
hebt und senkt
deine göttliche seele
atem um atem
nordisches land

im schutz zitternder wimpern:
in blauen tiefen träumen
dunkle planeten
sturm und schweigen
kosmischer brandung

süßen mundes küssen die finger
der sinkenden sonne
das kräuselnde gold
und die rose der erwachenden
flut


Keiner weint so schön (1996)
Keiner weint so schön
wie die jungen frauen
der dänen wenn
unter ihren blonden
mähnen
die nord- und ostsee-
salzigen tränen
kullern bis zu den wolken-
weißen zähnen
 


Gedenktage (1997)

Am 5. 5.
wurde Karl Marx geboren.
Am 6. 6.
Thomas Mann, Björn Borg und mein Vater.
Was aber sind solche Geburtstage
gegen den 7. 7.?

Als meine Mutter starb.
 


Körpersprache (1983)

der mädchen
verheißungsvolle bewegungen
das runde
lachen
aufmerksame blicke
schmaler gesichter
stundenlanges zappeln
gefangener haie
an bord
das leeren der därme
unterwegs zum schlachthaus
die letzten schreie
der
schweine
in der tötungsbucht
röhren der hirsche
und überhaupt
die stimmen der säuger
wären sie stumm
man würfe nach ihnen
die angel und
sie stürben schmerzlos
wie fische
 


Morgenland (1995)

Zu meiner Geburt
kamen keine Weisen
aus dem Morgenland.

Die zu mir kamen,
waren aber auch nicht dumm,
haben ihre Sorgen gekannt und
die drehten sich oft um

ein paar Morgen Land ...
 


Clash of Cultures (1994)

Fußball-WM 1994.

Jesus spielt mit
für Mexiko.
Mohammed greift an
für Marokko.

Im deutschen Tor:
Ilgner.


Hirt und Schafe I (1997)
(nach einer Beobachtung von Octave Pirmez)

Auf einer Lichtung
in Italien am Rande
einer Ebene sah er
zwei Lämmer
von den Ästen einer Esche
baumeln.

Der Hirt
hatte ihnen mit seinem Messer
die Kehlen aufgeschlitzt.
Die kleinen Lämmer blökten
noch, während das helle Blut schon strömte
in den sanften Schatten des Baumes.

Und sterbend preßten sie sich
mit gesenkten Köpfen
aneinander.


Metro (1985)

paris ist wie
bettenfeld: überall
kommt der besucher
ohne auto
schnell hin


Disciples de Shaolin (1986)

Fische.
Die Muskeln sollen
rein sein, hart sein, da sein und
das Verlangen nach Berührung wecken.
Die Szene aus dem Film, festgehalten
auf einem Schwarzweißfoto:
eine sehr schlanke und hübsche junge
Frau, Chinesin (Hui Juki-Jing),
groß und schmal, mit Gummi-
handschuhen und weißem Kittel, sie steht da
am Fischmarkt, Fische verkaufend. Bei ihr
Fischwaage und preisausgezeichnete Fische.
Meerwolf, Scholle, Hai, Thunfisch.
Ihr Gesicht ist uns
fremd, faszinierend, ihr Blick
scheint abwesend, als denke sie
an das Meer, ihren Freund, die See.
Sie gehört zu diesen chinesischen
Fischen, sie sind jetzt so
appetitlich.
Im Hintergrund lächelt ein
harmloser, hilfloser, hungriger Mann.
 


WIL-WE 90 (1982)

(formel der schönen erinnerungen)
 


Ausstellung der Apparate (1997)

Reaktionstaster
Lippenschlüssel
Studentinnen-
kymographion

Fühlstrecken-
apparat
Haar-
ästhesiometer
Hand-
dynamometer
Kopf-
bewegungsmesser
Täuschungsgewichte

Komplikationsapparat
Apparat zur Registrierung
der Augenrucke
Wärmepunktreizer
Reizhebel

Distanzvariator
Distanzvariator
 


Frühling auf dem Land (1992)

In den jungen Tagen des April
wird in der Raiffeisenbank
der Kontoauszugsdrucker
krank.

Bald wird er wieder funktionieren.
Worüber dann in blauen Lüften
die ersten Lerchen jubilieren.



 

Ansteckung (1984)

und sie erzählt ihm
einer ihrer finger
sei entzündet
worauf er sie fragt
ob sie denn überhaupt
die kennzeichen einer entzündung wisse
nein antwortet sie
und er nennt
CALOR die wärme
RUBOR die rötung
TUMOR das anschwellen und
DOLOR den schmerz

sie hält ihm nun die hand
hin und vorsichtig fühlt
er im halbdunkel einer
herbstdämmerung
ihren armen kranken finger
und er spürt wie
auch an seinem körper ein glied
sich zu entzünden beginnt:
die ersten anzeichen sind jedenfalls da
 


De cultu feminarum (1985)

Sie ist bei ihm.
Sie ist siebzehn.
Sie reden und lachen
und sehen sich gemeinsam an:
Bilder aus einem amerikanischen
Men`s Magazine, Bilder junger
Frauen mit ganz wenig
Text, der nicht stören darf.
Sie hat solche Fotos
noch nie gesehen, doch
viele gefallen ihr
erstaunlich gut.

Er zeigt ihr zunächst seine liebsten
Bilder, bei denen er sich
am wohlsten fühlt. Es sind solche,
wo die schönsten Frauen
am nacktesten sind,
solche, die eben besonders
offen und  frei sind.
Er sehe darin
eine Verehrung gerade des typisch Weiblichen.
Ihm sei zwar bewußt,
aus welchen Gründen so
fotographiert werde, aber damit
gebe man doch zu, was
 Männern wirklich wichtig sei. Und was,
allem hochgestochenen Gerede zum Trotz,
am schönsten und reizvollsten sei.
Dies seien also die wahreren Aufnahmen,
sagt er. Sie
hört aufmerksam zu.

Ob die Schamhaare frisiert würden,
fragt sie dann und zeigt auf
 eine Blonde mit feinem Gesicht,
die tatsächlich ein auffallend
kleines goldenes Dreieck
hat. Sicher, antwortet er.
Die Models werden sorgfältig
zurechtgemacht vor solchen Aufnahmen.
Er weiß das
aus dem Fernsehen.

So schlagen sie sachte
Seite für Seite um, sie sprechen
über diesen Gesichtspunkt und jenen
Busen. Und des Mannes Glied
hört aufmerksam zu.
Sie richten nun ihre
Blicke auf zwei Frauen,
die sich gegenseitig
berühren, küssen, fühlen, schmecken.
Ich würde das gerne auch einmal machen.
Sagt die Siebzehnjährige. So was
fotographieren oder selbermachen?
Selbermachen, mit einem Mädchen.
Aber ich habe noch keine gefunden,
bei der ich mich getraut hätte,
zu fragen.
Wenn man es wirklich will,
kann man es auch erreichen.
Hat er als weise Antwort
sofort bereit, obwohl er etwas
überrascht ist.

Schließlich kommen sie
zu einer überaus anziehenden
Sportlerin, deren muskulöser Hintern
fest und prall
wirkt.

Es gefällt ihm,
daß auch sie wieder
von unten, auf einer Steintreppe
stehend, festgehalten wurde, was
tiefere Einsichten erlaubt
und angemessene Demut ausdrückt
gegenüber soviel Schönheit.

Die Siebzehnjährige ruft dagegen
bei dem ersten Blick
spontan: Die hat wenigstens Haare
da unten! Damit kann ich mich
viel besser identifizieren.
Er sieht dies auch
 gern. Attraktive Frauen findet er
zusätzlich begehrenswert, wenn auch
 ihr heimlichstes Haar in weicher
 Schönheit glänzt und ihm ist dann
der Reiz fast so groß, als seien sie unten
ganz nackt und bloß.

Die Bilderstunde neigt sich
dem Ende zu. In der Portweinflasche ist
kaum mehr ein Tropfen.

Sie reden und lachen noch
viel. Zwischendurch ruft sie
ihren Freund an,
der weit weg ist.


 








 
 

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