Gregor Brand
Ausgewählte Gedichte
(aus: Gesammelte
Gedichte I, 2000)
All diese Tage (1996)
Den ganzen
Tag
bin ich
ein Schlafloser
zweifelnd
und hoffend
einem Heiden
gleich zur Zeit
der Wintersonnenwende
wartend
auf die Wiederkehr
der Sonne
Am Abend
vielleicht
rufst du
an: Und
die ersten
Strahlen leuchten
warm auf
meinem Gesicht
Deutsch-amerikanisches Poem (1991)
Still ruht der dunkle See
Halt! Ist
schon gut, Mann,
okay, okay!
Ich, unwirsch,
beim Schreiben
gestört:
Ja, gut, dann
wirf sie
jetzt weg!
Sie: Aber
die Feder
ist so
schön. Fast
so schön
wie du
und auch
so lieb!
unserer
Liebe begegnen
im schatten
blonder wolken:
am nun
schweigenden strand
salzglitzernden
meeres
hebt und
senkt
deine göttliche
seele
atem um
atem
nordisches
land
im schutz
zitternder wimpern:
in blauen
tiefen träumen
dunkle
planeten
sturm und
schweigen
kosmischer
brandung
süßen
mundes küssen die finger
der sinkenden
sonne
das kräuselnde
gold
und die
rose der erwachenden
flut
Gedenktage (1997)
Am 5. 5.
wurde Karl
Marx geboren.
Am 6. 6.
Thomas
Mann, Björn Borg und mein Vater.
Was aber
sind solche Geburtstage
gegen den
7. 7.?
Als meine
Mutter starb.
Körpersprache (1983)
der mädchen
verheißungsvolle
bewegungen
das runde
lachen
aufmerksame
blicke
schmaler
gesichter
stundenlanges
zappeln
gefangener
haie
an bord
das leeren
der därme
unterwegs
zum schlachthaus
die letzten
schreie
der
schweine
in der
tötungsbucht
röhren
der hirsche
und überhaupt
die stimmen
der säuger
wären
sie stumm
man würfe
nach ihnen
die angel
und
sie stürben
schmerzlos
wie fische
Morgenland (1995)
Zu meiner
Geburt
kamen keine
Weisen
aus dem
Morgenland.
Die zu mir
kamen,
waren aber
auch nicht dumm,
haben ihre
Sorgen gekannt und
die drehten
sich oft um
ein paar
Morgen Land ...
Clash of Cultures (1994)
Fußball-WM 1994.
Jesus spielt
mit
für
Mexiko.
Mohammed
greift an
für
Marokko.
Im deutschen
Tor:
Ilgner.
Hirt und
Schafe I (1997)
(nach einer
Beobachtung von Octave Pirmez)
Auf einer
Lichtung
in Italien
am Rande
einer Ebene
sah er
zwei Lämmer
von den
Ästen einer Esche
baumeln.
Der Hirt
hatte ihnen
mit seinem Messer
die Kehlen
aufgeschlitzt.
Die kleinen
Lämmer blökten
noch, während
das helle Blut schon strömte
in den
sanften Schatten des Baumes.
Und sterbend
preßten sie sich
mit gesenkten
Köpfen
aneinander.
Metro (1985)
paris ist
wie
bettenfeld:
überall
kommt der
besucher
ohne auto
schnell
hin
Disciples de Shaolin (1986)
Fische.
Die Muskeln
sollen
rein sein,
hart sein, da sein und
das Verlangen
nach Berührung wecken.
Die Szene
aus dem Film, festgehalten
auf einem
Schwarzweißfoto:
eine sehr
schlanke und hübsche junge
Frau, Chinesin
(Hui Juki-Jing),
groß
und schmal, mit Gummi-
handschuhen
und weißem Kittel, sie steht da
am Fischmarkt,
Fische verkaufend. Bei ihr
Fischwaage
und preisausgezeichnete Fische.
Meerwolf,
Scholle, Hai, Thunfisch.
Ihr Gesicht
ist uns
fremd,
faszinierend, ihr Blick
scheint
abwesend, als denke sie
an das
Meer, ihren Freund, die See.
Sie gehört
zu diesen chinesischen
Fischen,
sie sind jetzt so
appetitlich.
Im Hintergrund
lächelt ein
harmloser,
hilfloser, hungriger Mann.
WIL-WE 90 (1982)
(formel
der schönen erinnerungen)
Ausstellung der Apparate (1997)
Reaktionstaster
Lippenschlüssel
Studentinnen-
kymographion
Fühlstrecken-
apparat
Haar-
ästhesiometer
Hand-
dynamometer
Kopf-
bewegungsmesser
Täuschungsgewichte
Komplikationsapparat
Apparat
zur Registrierung
der Augenrucke
Wärmepunktreizer
Reizhebel
Distanzvariator
Distanzvariator
Frühling auf dem Land (1992)
In den jungen
Tagen des April
wird in
der Raiffeisenbank
der Kontoauszugsdrucker
krank.
Bald wird
er wieder funktionieren.
Worüber
dann in blauen Lüften
die ersten
Lerchen jubilieren.
Ansteckung (1984)
und sie
erzählt ihm
einer ihrer
finger
sei entzündet
worauf
er sie fragt
ob sie
denn überhaupt
die kennzeichen
einer entzündung wisse
nein antwortet
sie
und er
nennt
CALOR die
wärme
RUBOR die
rötung
TUMOR das
anschwellen und
DOLOR den
schmerz
sie hält
ihm nun die hand
hin und
vorsichtig fühlt
er im halbdunkel
einer
herbstdämmerung
ihren armen
kranken finger
und er
spürt wie
auch an
seinem körper ein glied
sich zu
entzünden beginnt:
die ersten
anzeichen sind jedenfalls da
De cultu feminarum (1985)
Sie ist
bei ihm.
Sie ist
siebzehn.
Sie reden
und lachen
und sehen
sich gemeinsam an:
Bilder
aus einem amerikanischen
Men`s Magazine,
Bilder junger
Frauen
mit ganz wenig
Text, der
nicht stören darf.
Sie hat
solche Fotos
noch nie
gesehen, doch
viele gefallen
ihr
erstaunlich
gut.
Er zeigt
ihr zunächst seine liebsten
Bilder,
bei denen er sich
am wohlsten
fühlt. Es sind solche,
wo die
schönsten Frauen
am nacktesten
sind,
solche,
die eben besonders
offen und
frei sind.
Er sehe
darin
eine Verehrung
gerade des typisch Weiblichen.
Ihm sei
zwar bewußt,
aus welchen
Gründen so
fotographiert
werde, aber damit
gebe man
doch zu, was
Männern
wirklich wichtig sei. Und was,
allem hochgestochenen
Gerede zum Trotz,
am schönsten
und reizvollsten sei.
Dies seien
also die wahreren Aufnahmen,
sagt er.
Sie
hört
aufmerksam zu.
Ob die Schamhaare
frisiert würden,
fragt sie
dann und zeigt auf
eine
Blonde mit feinem Gesicht,
die tatsächlich
ein auffallend
kleines
goldenes Dreieck
hat. Sicher,
antwortet er.
Die Models
werden sorgfältig
zurechtgemacht
vor solchen Aufnahmen.
Er weiß
das
aus dem
Fernsehen.
So schlagen
sie sachte
Seite für
Seite um, sie sprechen
über
diesen Gesichtspunkt und jenen
Busen.
Und des Mannes Glied
hört
aufmerksam zu.
Sie richten
nun ihre
Blicke
auf zwei Frauen,
die sich
gegenseitig
berühren,
küssen, fühlen, schmecken.
Ich würde
das gerne auch einmal machen.
Sagt die
Siebzehnjährige. So was
fotographieren
oder selbermachen?
Selbermachen,
mit einem Mädchen.
Aber ich
habe noch keine gefunden,
bei der
ich mich getraut hätte,
zu fragen.
Wenn man
es wirklich will,
kann man
es auch erreichen.
Hat er
als weise Antwort
sofort
bereit, obwohl er etwas
überrascht
ist.
Schließlich
kommen sie
zu einer
überaus anziehenden
Sportlerin,
deren muskulöser Hintern
fest und
prall
wirkt.
Es gefällt
ihm,
daß
auch sie wieder
von unten,
auf einer Steintreppe
stehend,
festgehalten wurde, was
tiefere
Einsichten erlaubt
und angemessene
Demut ausdrückt
gegenüber
soviel Schönheit.
Die Siebzehnjährige
ruft dagegen
bei dem
ersten Blick
spontan:
Die hat wenigstens Haare
da unten!
Damit kann ich mich
viel besser
identifizieren.
Er sieht
dies auch
gern.
Attraktive Frauen findet er
zusätzlich
begehrenswert, wenn auch
ihr
heimlichstes Haar in weicher
Schönheit
glänzt und ihm ist dann
der Reiz
fast so groß, als seien sie unten
ganz nackt
und bloß.
Die Bilderstunde
neigt sich
dem Ende
zu. In der Portweinflasche ist
kaum mehr
ein Tropfen.
Sie reden
und lachen noch
viel. Zwischendurch
ruft sie
ihren Freund
an,
der weit
weg ist.
(C) Copyright by Gregor Brand, 2001