Aufmerksame Liebe.
Wären geliebte Menschen für unser Glück nicht so
gefährlich,
dann beachteten wir sie weniger.
Reich des Geistes.
Der Punkt, bei dem vielen Deutschen der Geist reicht, ist nicht
weit entfernt von dem, was sie "geistreich" nennen.
Der Mensch als Mittelpunkt.
Viele von denen, die bestreiten, dass der Mensch Mittelpunkt
der Welt ist, sehen in ihm jedoch deren Mittelfleck.
Lebendig.
Je tödlicher die Feindschaft, desto lebendiger die Waffen.
Die Vertreibung
von Gedanken.
Es ist besser, sich einen Gedanken aus dem Kopf zu streicheln, als ihn
sich aus dem Kopf zu schlagen.
Die Unschuld der Realität.
Man darf der Wirklichkeit vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie
wirkt.
Metaphysisch.
Das All lügt: Es ist nicht alles.
Sätze und Gesichter.
Friedrich Hebbel schrieb, bei den großen Schriftstellern
habe jeder
Satz ein Menschengesicht. Wahrscheinlich verbot ihm nur sein
Taktgefühl festzustellen, dass ansonsten viele Sätze
ganz andere
menschliche Körperteile repräsentieren.
Letzte Worte.
Kein Arzt sagt einem, dass man nur noch zehn Sekunden zu leben
hat.
Klarheit.
Gibt es Gedanken und Überlegungen, die derart klar sind, dass
man sie gerade deswegen als solche gar nicht wahrnimmt?
Gedanken, deren Existenznachweis erst durch sehr kluge
Menschen erbracht werden muss?
Gebot der
wahren Nächstenliebe.
Du sollst über die Leiden, Schmerzen und Probleme der Dir
Nahestehenden viel besser Bescheid wissen und Dich mehr
sorgen als über den Kummer der Fernen.
Monumente.
Die meisten zeitgenössischen Monumente erweisen sich schnell
als bloße Momente.
Was
auffällt.
Familiennamen, die sich auf Berg und Tal beziehen, sind
wesentlich häufiger als solche, die mit Flachland zu tun haben.
Frühes 21. Jahrhundert.
An Deutschland denken und D-pressiv werden.
Islam und westlicher
Mut.
Im angeblich christlichen Europa werden Jesus und seine
Anhänger unvergleichlich schärfer und häufiger kritisiert
als
Mohammed. Nach Salman Rushdie sollte sich jeder
nichtmoslemische Intellektuelle selbstkritisch prüfen, ob
er nur
deswegen nicht Mohammed kritisch beurteilt, weil er Angst vor
dessen fanatischen Anhängern hat.
Intellektuellenjoch.
Ein Biograph Kants schrieb tatsächlich vom Prediger Becker,
es sei
diesem darum gegangen, Kant das „Ehejoch“ aufzuschwatzen. Es
ist auch der deutschen Kultur nicht zum Wohl gewesen, daß
es
nicht öfters gelungen ist, ansonsten klugen Menschen die Ehe
nahezubringen. Wobei der Kultur weniger mit der Ehe selbst
genutzt worden wäre als mit den daraus hervorgegangenen
Kindern. Außerdem konnten die fehlenden Erfahrungen von Ehe
und Kindern deutschen Philosophen wie Kant und anderen
Gebildeten durch nichts anderes gleichwertig ersetzt werden.
Kant und Goethe.
Zwei Weltgenies, jahrzehntelang gleichzeitig lebend, die gleiche
Sprache sprechend, nur ein paar hundert Kilometer voneinander
entfernt wohnend, aber: Kant habe nie von ihm Kenntnis
genommen, stellte Goethe nüchtern fest. Spätestens seit
selbst
der überintelligente Kant nicht von Goethe Kenntnis nahm,
braucht sich kein Genie mehr über Nichtbeachtung zu grämen.
Vom Totschweigen.
Man kann nur das totschweigen, was lebt. Das Hinterhältigste,
was
man über Totgeschwiegenes sagen kann, ist: es lebe gar nicht.
Nietzsches Rede von Gott.
Vor die Wahl gestellt, wollte Nietzsche Gott lieber totreden als
totschweigen. Gott freute sich und ließ den deutschen
Philosophen unsterblicher werden als es die meisten Heiligen je
zu
hoffen wagten.
Volk und Genie.
Dass ausgerechnet die Deutschen, bei denen Genialität
jahrhundertelang geradezu endemisch war, für "Genie" ein
ursprünglich lateinisches Wort benutzen, wird allenfalls dadurch
gerechtfertigt, dass es aus dem Französischen kommt.
Poetische Techniker.
Gerade diejenigen Lyriker, deren bilderreiche Fantasie oft gelobt
wird, die man am weitesten von einer missachteten Realität
entfernt
sieht, sind, was die Entstehung und den Charakter ihrer Gedichte
angeht, oft ausgesprochen prosaisch arbeitende
Metapherntechniker, deren angeblich ganz persönliche Eindrücke
man in ihrer Wirkung leicht reproduzieren kann.
Enthaltsamkeit.
Sexuelle Enthaltsamkeit wurde bei den heidnischen Sachsen gelobt
und sie wurde auch von dem amerikanischen Naturdenker Thoreau
gepriesen. In beiden Fällen kam in diesen Meinungen keine
christliche moralische Wertung zum Ausdruck, sondern sowohl
den Sachsen als auch Thoreau ging es um handfeste
physiologische Wirkungen solcher Enthaltsamkeit.
Der glaubwürdigere Ton.
Vieles würde überzeugender wirken, wenn es nicht in höchsten,
sondern in tiefsten Tönen angepriesen würde.
Enteignung der Gene.
Den zölibatären katholischen Priestern werden die Hoden
belassen, aber ihre Gene gleichwohl enteignet. Kann man einen
Menschen gründlicher abwerten, als wenn man ihm untersagt,
sich
fortzupflanzen? Kann dies hinterhältiger begründet werden
als mit
der Behauptung, dadurch würde er sich selbst in hohem Maße
aufwerten?
Der unendliche Ton.
Einen Ton, der nie verhallt, wird man auf Dauer immer weniger
hören und am Ende gar nicht mehr wahrnehmen. Dieses
Phänomen ist der Todfeind aller Ideologien und Propagandisten,
aber es wendet sich genauso gnadenlos gegen die Überlieferung
von Wahrheiten.
Der müde Mensch.
Ein sehr müder Mensch ist eine ganz andere Person als ein
ausgeruhter. Wer einen Mitmenschen nicht in längerer übergroßer
Müdigkeit erlebt hat, kennt ihn nicht wirklich, mag er auch
sonst
noch so viel von ihm wissen. Wenn er ihn aber als solchen müden
Menschen kennt, dann sollte er sich in diesen Momenten bewusst
sein, dass jener im Grunde doch ein anderer ist. Die
Notwendigkeit einer Philosophie der Müdigkeit besteht vor
allem
im Hinblick auf Eltern kleiner Kinder.
Kein neutrales Publikum.
Das neutrale Publikum hält angeblich immer dem vermeintlich
Schwächeren bei. Also gibt es kein neutrales Publikum.
Fette
Gedanken.
Wieviel mehr Wirkung und Nutzen hätte mancher Gedanken
stiften können, wenn er nur kursiv oder fett gedruckt worden
wäre! Wie auch im sonstigen Leben, ist Unauffälligkeit
nicht
immer eine Tugend.
Vorbilder.
Manche intelligenten Menschen halten sich mehr an Vorbücher als an
Vorbilder. Aber ohne Vorbücher kann man leben, ohne Vorbilder
dagegen nicht.
Wirkung des Lesens.
Was man liest, färbt ab. Ich merke es dann am besten, wenn
ich
mich wieder schwarz geärgert habe.
Pfarrer Holmer.
Holmer hieß der Christenmensch, der nach dem Sturz Honeckers
den einstigen Meister der Mauern und Minen sowie dessen Frau
aufnahm, ihnen verzieh und vergab und öffentlich betonte,
dass
Honecker eigentlich ein netter, freundlicher Mann sei. Und wenn
dann doch jemand zornig auf den vormaligen Herrn von
Stacheldraht, Staatssicherheit und Sozialismus war, dann predigte
Pfarrer Holmer, man solle sich nicht von Emotionalität leiten
lassen.
Die Ehren des Alters.
War Stefan Andres, dieser große moselländische Schriftsteller,
ein
potenzieller Kandidat für den Nobelpreis? Wäre er noch
zwanzig
Jahre älter geworden, so hätte er gewiss noch manchen
bedeutenden Literarturpreis erhalten und vielerlei Ehrungen
erfahren. Dies hätte einfach in der Gesetzmäßigkeit
des
europäischen Ehrungssystems gelegen: Wer einmal geehrt wird,
wird meist noch oft geehrt - wenn er eben nur alt genug wird.
Quartalsschwermut.
Gustav Frenssen, der Dichter aus Dithmarschen, schrieb über
sich, er sei kein Quartalssäufer gewesen, wohl aber ein
Quartalsschwermütiger. Wenn man seine „Grübeleien“ liest,
dann
entsteigt aus ihnen in der Tat eine graue Atmosphäre und man
könnte meinen, er habe seine Eintragungen nur an solchen
Quartalstagen geschrieben. Auch dann, wenn er etwas notiert,
was
ihm wirklich Freude bereitet, liegt ein schwermütiger Himmel
darüber. Diese Düsternis ist, scheint mir, aber weniger
Ausdruck
der Schwere der Landschaft und des holsteinischen
Menschenschlages, dem er angehörte, als vielmehr eine Folge
der
allgegenwärtigen Betrübnis des enttäuschten Christen:
also eines
Menschen, dem das Christentum innerlich völlig fremd geworden
ist, der aber noch nicht wagt, sich dies einzugestehen und diese
Einsicht wenigstens vor sich selbst kämpferisch zu vertreten.
Katholische Kirche und
Dreißigjähriger Krieg.
Der damalige Papst war seinerzeit gegen den Westfälischen
Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Wenn
noch mehr
Deutsche umgekommen wären, was hätte es ihn geschert?
Wenn in
diesem furchtbaren Schlachten die protestantischen Vorfahren
eines Goethe, Kant, Hegel, Nietzsche, eines Bismarck, Haeckel
oder Virchow, umgekommen wären und die Genannten und
Tausende andere höchstbegabte Gegner der katholischen Kirche
gar nicht erst geboren worden wären - hätte Rom dann
getrauert?
Gewiss nicht.
Krieg - biopolitisch gesehen.
Hätte der Dreißigjährige Krieg nur fünfzehn
Jahre gedauert und
nur halb so viele Menschenopfer gefordert als dies tatsächlich
der
Fall war, dann hätte es möglicherweise einige Generationen
später
in deutschen Landen doppelt so viele Persönlichkeiten vom
geistigen
Kaliber eines Goethe, eines Hegel, eines Beethoven, gegeben.
Die
Zeit um 1800 war unglaublich reich an herausragenden Deutschen,
aber selbst diese Zeit hätte - wie auch die Jahre davor und
danach -
noch produktiver sein können. Ohne die Verluste des
Dreißigjährigen Krieges wäre mit großer Wahrscheinlichkeit
Deutschland das führende Land der technisch-industriellen
Revolution geworden. Wie verheerend sich Kriege auf das
geistig-kulturelle Potential eines Landes auswirken, war in diesem
Jahrhundert manchen Deutschen - wie etwa dem
Bevölkerungsforscher Friedrich Burgdörfer, dem Pädagogen
Wilhelm Hartnacke oder dem pazifistischen Kulturbiologen Nicolai
-
überdeutlich bewusst. Weil Burgdörfer und Hartnacke dies
wussten und weil sie zugleich starke Patrioten waren, warnten sie
entschieden vor einem zweiten Weltkrieg. Es gibt niemanden, für
den derart mit größter Vernunft und Bewusstheit ein
Krieg nahezu
um jeden Preis zu vermeiden ist, wie für solche biopolitisch
denkenden Menschen.
Zeichen großer Geister.
Es ist ein Kennzeichen sehr großer Begabungen, dass sie andere
sehr intelligente Menschen völlig verdummen können. Hoch
begabte Menschen sind gegenüber den Narreteien der Masse
erstaunlich resistent, aber auffällig anfällig für
Dummheiten von
ihresgleichen.
Luthers wichtige Leistung.
Die Zulassung der Priesterehe durch Luther hat viele vormals
unehelich Kinder ehelich und ehrlich gemacht, wenn ihr
priesterlicher Vater nun heiratete. In der katholischen Kirche
dagegen mussten Priesterkinder die Schande bleiben, die sie
niemals waren.
Unbegreifliche Begabung.
Die Viertelstunde wird nie wissen, was man in einer halben Stunde
alles machen kann.
Botschaften.
Manche Denkenden, die ihre Botschaften zugleich offenbaren und
verheimlichen wollen, fangen an, Gedichte zu schreiben.
Pseudoaphoristiker.
Es ist eine größere Leistung, auf zehn Seiten keine
Dummheiten
zu Wort kommen zu lassen, als Unsinn prägnant in einen Satz
zu
fassen. Auf Kürze allein darf sich kein Aphorismus etwas
einbilden.
Neue Gedanken.
Manche reden so abfällig über neue Ideen, wie es eine
verschimmelte Banane gegenüber Frischobst tun würde.
Trost.
Wenn man tot ist, hält man das Leben nicht mehr für zu
kurz.
Solange man das Leben für kurz hält, lebt man immerhin
noch.
Politiker.
Einen schweren Stand haben diejenigen Regierenden, die
bestimmen, dass sich A auf B zu reimen hat. Trotzdem versuchen
sie es immer wieder.
Gott als Frau.
Würde Gott als weibliches Wesen gesehen, so hätte dies
zumindest den Vorteil, dass sich Philosophen und Theologen nicht
mehr ganz so sicher wären, zu wissen, wie sie ist und was
sie will.
Vorurteile und Ruhm.
Wer mit seinen Geistesschöpfungen lange überdauern will,
der
sollte Vorurteile schaffen: Nichts besteht länger.
Unhedonistische Deutsche.
Ganz besondere geschichtliche Ereignisse haben in Deutschland
oft die unangenehme Neigung, in einen so unfreundlichen Monat
wie den November zu fallen. Das zeigt aber auch, dass die
Deutschen hedonistischer sind als viele glauben: Wenn das Wetter
schön ist, wollen sie etwas anderes als Geschichte machen.
Zwei Arten von Menschen.
Was die einen in Willkür zerstören, bauen die anderen
in
Willpflicht wieder auf.
Kopien.
Man sollte gerade Kopisten im Original lesen.
Die Umstände des Denkens.
Wer in der Gülle sitzt, denkt nichts Schweinisches.
Unsterblichkeit.
Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt - hält der nicht die
Toten
für Schauspieler?
Aphorismen und kurze Sätze.
Es gibt unter den Aphorismen Kopftreffer, Bauchtreffer und
Schläge unter die Gürtellinie, aber keine Luftschläge.
Geistige
Luftschläge sind keine Aphorismen, sondern allenfalls kurze
Sätze.
Vom Mutigsein.
Diejenigen, die guten Mutes waren, haben oft mehr erreicht als
diejenigen, die nur klugen Mutes waren.
Die Verursacher des Todes.
Wer ein Kind gebiert oder zeugt, der verursacht einen Tod mehr.
Doch sollte man nicht den Eltern vorwerfen, dass man zu sterben
hat. Dann noch eher den Urgroßeltern.
Kreativität in der Zeit.
Die Gegenwart, der wenig einfällt, lässt der Zukunft
immerhin die
Chance der Originalität.
Die Fähigkeit zum intelligenten Werk.
Wer ein einzelnes intelligentes Buch von hundert Seiten schreibt,
der hat auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit für
tausend kluge
Seiten. Es kann ihm zwar an Zeit, Gesundheit, Gelegenheit oder
Willen mangeln, aber der intellektuelle Genius zeigt sich dem
aufmerksamen Beobachter nicht erst in der Quantität.
INRI.
Die Inschrift auf dem Kreuz hat sich nicht an das ungebildete Volk
gerichtet, das des Lesens unkundig war. Sie bleibt eine Botschaft
an die Gebildeten.
Grenze der Sprache.
Wer die Sprache der Eskimos beherrscht, kann deswegen noch
lange nicht im Eis fischen.
Gleichheit oder
Intelligenz.
Diejenigen, die die Gleichheit der Menschen hervorheben, sind
immer auch solche, für die Intelligenz nicht zu den wichtigsten
menschlichen Eigenschaften gehört.
Adornos
Sexualethik.
Erster und einziger Grundsatz der Sexualethik: der Ankläger
hat immer recht.
Recht hast du damit, Theodor Wiesengrund Adorno, pflichtet der
gebildete Kinderfreund ihm bei.
Neue Dimension.
Wie bescheiden das Abendland geworden ist: Mit nur zwei
Kindern kann man heutzutage in Europa schon in eine neue
Dimension vorstoßen: in die der Überdurchschnittlichkeit.
Lichtenberg und Trithemius.
Lichtenberg wurde ungefähr so alt wie der geniale moselländische
Abt Trithemius. Wer von Beiden hatte mehr Freude in seinem
Leben? Wenn man die Freuden der Sexualität berücksichtigt,
müsste eigentlich Lichtenberg der glücklichere gewesen
sein. Aber
vielleicht war Trithemius, der sich nie um eigene geliebte Kinder
Sorgen machen musste und auch nicht um den Verlust geliebter
Frauen, deswegen weniger unglücklich. Doch: Weniger
unglücklich gewesen zu sein, ist bereits ein starkes
Indiz dafür,
auch weniger glücklich gewesen zu sein.
Leben und Religion.
Je sicherer das Leben, desto bedrohter die Religionen.
Zwitterwesen.
Es gibt nicht nur Hermaphroditen, es gibt auch Hermaphorismen.
Christian Morgenstern
und die Anthroposophie.
Morgenstern war ein fruchtbarer Boden, auf dem manche schöne
und nützliche Pflanze wuchs - bis er versteinerte.
Kulturhistorische Randbemerkung.
Die Bukowina - nein, das war keine österreichische Konditorei.
Über die Menschheit.
Wie viele Menschen muss man persönlich kennengelernt haben,
um mit Berechtigung etwas über die Menschheit sagen zu können?
Kleines Leid.
Das immer noch zu häufige Erwähnen des großen Freud.
Sigmund Fraud.
Hans-Jürgen Eysenck, herausragender Psychologe des späten
20.
Jahrhunderts, schrieb über den Begründer der Psychoanalyse:
What is new in Freud is not true, and what is true is not new.
Philosophisches System.
Wer im Denken kein System will, der hat schon eins.
Der hochbegabte Mensch.
Ist die kleine Minderheit der geistig extrem Begabten eine eigene
Art, Homo megasapiens gewissermaßen? Begabt mit allen
Fehlern, Gebrechen und Tugenden der anderen Menschen, aber
diese in einer gefährlicheren und vor allem beeindruckenderen
Weise verkörpernd? Dass sie keine eigene Art sind, kann man
jedoch schon daran erkennen, dass sie sich fruchtbar mit den
anderen Menschen fortpflanzen können und vielleicht noch mehr
daran, dass sie dies meist sehr gerne tun.
Poseidon und das göttliche Leben.
Martin Bernal, amerikanischer Professor
angelsächsisch-marranischer Herkunft, glaubt, Poseidon sei
ursprünglich ein ägyptischer Gott gewesen. Der deutsche
Pastor
und Forscher Jürgen Spanuth hält es dagegen für
erwiesen, dass
Poseidon der Religion der Nordseevölker, der Germanen,
entsprungen ist. Die meisten Gelehrten - und dabei vor allem die
griechischen - halten ihn wiederum für einen genuin griechischen
Gott. Kann nun ein Gott, um den sich so viele streiten, wirklich
tot
sein? Tot wäre er erst, wie jeder Gedanke, wenn es um ihn
keinerlei Auseinandersetzungen mehr gebe. Wer einer Idee
widerspricht, hält sie am Leben. Wer eine Idee aktiv vernichten
will, haucht ihr gerade dadurch weiteres Leben ein.
Das Lächeln der Pflanzen.
Wenn Blumen das Lächeln der Pflanzen sind, wie Hebbel meinte,
sind dann Nutzpflanzen ihr Grinsen? Oder ihr Weinen?
Müll
der Geschichte.
Manchmal ist es rühmlicher, auf dem Müll der Geschichte zu
landen, als gar
keine Geschichte zu machen.
Literatur und Bewertung.
Gestern nacht las ich Lear. Schrieb Canetti. Ich dagegen las in
der
vergangenen Nacht - Canetti. Wer dies jetzt liest, liest mich.
Von
Shakespeare über Canetti zu Brand: Kann man darüber
nachdenken, ohne eine solche Entwicklungslinie zu bewerten?
Ohne die Beteiligten in Besser und Schlechter einzuteilen? Es ist
in der Tat möglich, sich zu einer nichtwertenden Betrachtung
zu
erziehen. Man sollte dies sogar tun, lehrten Rudolf Steiner und
Buddha. Mir selbst bereitet jedoch das Werten mehr Freude.
Eine Frage der Identität.
Ein Mississippi, der ins Mittelmeer mündete, würde deswegen
noch lange nicht zum Nil.
Georges Bataille.
Mit seinem Werk hat die katholische Kirche zwar wieder eine
Schlacht, aber noch längst nicht den Krieg verloren.
Die letzte Gleichheit.
Beim Sterben verhalten sich die Dümmsten nicht anders als
die
Klügsten: Sie tun es nur einmal. Wenn Sterben ein Fehler
ist,
dann zeigt sich, dass dabei auch die Dümmsten endlich klug
geworden sind: Diesen Fehler machen sie nicht noch einmal.
Der lange Ruhm.
Wer einen schlauen Satz an den anderen reiht, von dem wird man
nachher nur wissen: Er war sehr schlau. Mit großen Dummheiten
dagegen, die man nicht nur sagt, sondern auch in seinen
Handlungen begeht, bleibt man länger im Gedächtnis der
Menschheit. Große Dummheiten sind unterhaltsamer als jede
Weisheit.
Drei Philosophen in
der Talkshow.
Nietzsche wäre mit seinen wirkungsvoll formulierten und
zugespitzten Provokationen ein idealer Gast für eine Talkshow
gewesen - zunächst wenigstens. Dazu als weitere interessante
Talker: Kierkegaard und Weininger. Aber der zuschauerlockende
Reiz wäre nach wenigen Auftritten schon vorbei, gerade dann,
wenn die wirklich interessanten Fragen erörtert würden.
Allzu
schnell würden diese drei ängstlichen Männer der
medialen
Vergessenheit anheimfallen. Weininger hätte damit einen weiteren
Grund, sich umzubringen, Kierkegaard, sich schuldig zu fühlen
und Nietzsche, verrückt zu werden.
Unterhaltsame Weisheit.
Es gibt Weisheiten, die können zumindest für Sekunden
unterhaltsam sein. Sagt der Aphorismus.
Aus der Geschichte lernen.
Dass jemand aus der Geschichte lernt, heißt noch lange nicht,
dass
er die richtigen Lehren zieht. Hat er von der Geschichte eine
falsche, den objektiven Gegebenheiten widersprechende Sicht, so
wird er vermutlich auch zu falschen Schlüssen kommen. Wichtiger
noch als aus der Geschichte zu lernen, ist, sie im Wesentlichen
richtig zu begreifen. Auch dies ist eine Lehre aus der Geschichte.
Die Gegner der Kompromisse.
Wer für den Krieg ist, muss natürlich Appeasement-Politik
verächtlich machen.
Unpassende Religion.
Wenn jetzt einem subtropischen afrikanischen Stamm die alte
heidnische Religion der Eskimos aufgezwungen würde und diese
Afrikaner dann tausend Jahre mit dieser Religion lebten: Es bliebe
eine fremde, ihrer Art und ihrer Welt nicht entsprechende Denk-
und Sichtweise.
Von Germanen.
Wenn ein Fernsehreporter bei Rowdies und Hooligans von
„germanischen Horden“ sprechen darf, bloß, weil es sich um
Deutsche handelt, dann muss es auch erlaubt sein, von
germanischen Technikern, germanischen Künstlern, von
germanischen Genies zu reden - und damit Deutsche zu meinen.
Aber in dieser Weise spricht und schreibt kaum einer. Das
Germanische wird ignoriert oder sogar negiert und denunziert.
Aber ist das nicht gerade typisch germanisch?
Götter als Götzen.
Michael Wolffsohn, der jüdische Professor, nennt - wie auch
viele
Christen vor ihm - die Götter der Philister abwertend Götzen.
Dass es heute noch Juden gibt, aber keine Philister, besagt jedoch
noch nicht, dass ihre Götter weniger real sind als der Gott
der
Juden. Wer überlebt, hat nicht immer recht gehabt - das weiß
niemand besser als die frommen Großen der Juden.
Dimension
unterschiedlicher Intelligenzen.
Die geistigen Welten der einzelnen Menschen sind sehr
unterschiedlich groß und reichen vom kleinen gemieteten Zimmer
bis zu unergründlichen Erdteilen - falls man Geistiges überhaupt
im physischen Vergleich darstellen kann.
Heimliche Enthauptung.
Man kann eine Kultur auch dadurch enthaupten, dass man ihre
fähigsten Köpfe hindert, sich zu entfalten.