Aufmerksame Liebe.
Wären geliebte Menschen für unser Glück nicht so
gefährlich,
dann beachteten wir sie weniger.
Reich des Geistes.
Der Punkt, bei dem vielen Deutschen der Geist reicht, ist nicht
weit entfernt von dem, was sie "geistreich" nennen.
Der Mensch als Mittelpunkt.
Viele von denen, die bestreiten, dass der Mensch Mittelpunkt
der Welt ist, sehen in ihm jedoch deren Mittelfleck.
Lebendig.
Je tödlicher die Feindschaft, desto lebendiger die Waffen.
Die Vertreibung
von Gedanken.
Es ist besser, sich einen Gedanken aus dem Kopf zu streicheln, als ihn
sich aus dem Kopf zu schlagen.
Die Unschuld der Realität.
Man darf der Wirklichkeit vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie
wirkt.
Metaphysisch.
Das All lügt: Es ist nicht alles.
Sätze und Gesichter.
Friedrich Hebbel schrieb, bei den großen Schriftstellern
habe jeder
Satz ein Menschengesicht. Wahrscheinlich verbot ihm nur sein
Taktgefühl festzustellen, dass ansonsten viele Sätze
ganz andere
menschliche Körperteile repräsentieren.
Letzte Worte.
Kein Arzt sagt einem, dass man nur noch zehn Sekunden zu leben
hat.
Klarheit.
Gibt es Gedanken und Überlegungen, die derart klar sind, dass
man sie gerade deswegen als solche gar nicht wahrnimmt?
Gedanken, deren Existenznachweis erst durch sehr kluge
Menschen erbracht werden muss?
Gebot der
wahren Nächstenliebe.
Du sollst über die Leiden, Schmerzen und Probleme der Dir
Nahestehenden viel besser Bescheid wissen und Dich mehr
sorgen als über den Kummer der Fernen.
Monumente.
Die meisten zeitgenössischen Monumente erweisen sich schnell
als bloße Momente.
Was
auffällt.
Familiennamen, die sich auf Berg und Tal beziehen, sind
wesentlich häufiger als solche, die mit Flachland zu tun haben.
Frühes 21. Jahrhundert.
An Deutschland denken und D-pressiv werden.
Islam und westlicher
Mut.
Im angeblich christlichen Europa werden Jesus und seine
Anhänger unvergleichlich schärfer und häufiger kritisiert
als
Mohammed. Nach Salman Rushdie sollte sich jeder
nichtmoslemische Intellektuelle selbstkritisch prüfen, ob
er nur
deswegen nicht Mohammed kritisch beurteilt, weil er Angst vor
dessen fanatischen Anhängern hat.
Intellektuellenjoch.
Ein Biograph Kants schrieb tatsächlich vom Prediger Becker,
es sei
diesem darum gegangen, Kant das „Ehejoch“ aufzuschwatzen. Es
ist auch der deutschen Kultur nicht zum Wohl gewesen, daß
es
nicht öfters gelungen ist, ansonsten klugen Menschen die Ehe
nahezubringen. Wobei der Kultur weniger mit der Ehe selbst
genutzt worden wäre als mit den daraus hervorgegangenen
Kindern. Außerdem konnten die fehlenden Erfahrungen von Ehe
und Kindern deutschen Philosophen wie Kant und anderen
Gebildeten durch nichts anderes gleichwertig ersetzt werden.
Kant und Goethe.
Zwei Weltgenies, jahrzehntelang gleichzeitig lebend, die gleiche
Sprache sprechend, nur ein paar hundert Kilometer voneinander
entfernt wohnend, aber: Kant habe nie von ihm Kenntnis
genommen, stellte Goethe nüchtern fest. Spätestens seit
selbst
der überintelligente Kant nicht von Goethe Kenntnis nahm,
braucht sich kein Genie mehr über Nichtbeachtung zu grämen.
Vom Totschweigen.
Man kann nur das totschweigen, was lebt. Das Hinterhältigste,
was
man über Totgeschwiegenes sagen kann, ist: es lebe gar nicht.
Nietzsches Rede von Gott.
Vor die Wahl gestellt, wollte Nietzsche Gott lieber totreden als
totschweigen. Gott freute sich und ließ den deutschen
Philosophen unsterblicher werden als es die meisten Heiligen je
zu
hoffen wagten.
Volk und Genie.
Dass ausgerechnet die Deutschen, bei denen Genialität
jahrhundertelang geradezu endemisch war, für "Genie" ein
ursprünglich lateinisches Wort benutzen, wird allenfalls dadurch
gerechtfertigt, dass es aus dem Französischen kommt.
Poetische Techniker.
Gerade diejenigen Lyriker, deren bilderreiche Fantasie oft gelobt
wird, die man am weitesten von einer missachteten Realität
entfernt
sieht, sind, was die Entstehung und den Charakter ihrer Gedichte
angeht, oft ausgesprochen prosaisch arbeitende
Metapherntechniker, deren angeblich ganz persönliche Eindrücke
man in ihrer Wirkung leicht reproduzieren kann.
Enthaltsamkeit.
Sexuelle Enthaltsamkeit wurde bei den heidnischen Sachsen gelobt
und sie wurde auch von dem amerikanischen Naturdenker Thoreau
gepriesen. In beiden Fällen kam in diesen Meinungen keine
christliche moralische Wertung zum Ausdruck, sondern sowohl
den Sachsen als auch Thoreau ging es um handfeste
physiologische Wirkungen solcher Enthaltsamkeit.
Der glaubwürdigere Ton.
Vieles würde überzeugender wirken, wenn es nicht in höchsten,
sondern in tiefsten Tönen angepriesen würde.
Enteignung der Gene.
Den zölibatären katholischen Priestern werden die Hoden
belassen, aber ihre Gene gleichwohl enteignet. Kann man einen
Menschen gründlicher abwerten, als wenn man ihm untersagt,
sich
fortzupflanzen? Kann dies hinterhältiger begründet werden
als mit
der Behauptung, dadurch würde er sich selbst in hohem Maße
aufwerten?
Der unendliche Ton.
Einen Ton, der nie verhallt, wird man auf Dauer immer weniger
hören und am Ende gar nicht mehr wahrnehmen. Dieses
Phänomen ist der Todfeind aller Ideologien und Propagandisten,
aber es wendet sich genauso gnadenlos gegen die Überlieferung
von Wahrheiten.
Der müde Mensch.
Ein sehr müder Mensch ist eine ganz andere Person als ein
ausgeruhter. Wer einen Mitmenschen nicht in längerer übergroßer
Müdigkeit erlebt hat, kennt ihn nicht wirklich, mag er auch
sonst
noch so viel von ihm wissen. Wenn er ihn aber als solchen müden
Menschen kennt, dann sollte er sich in diesen Momenten bewusst
sein, dass jener im Grunde doch ein anderer ist. Die
Notwendigkeit einer Philosophie der Müdigkeit besteht vor
allem
im Hinblick auf Eltern kleiner Kinder.
Kein neutrales Publikum.
Das neutrale Publikum hält angeblich immer dem vermeintlich
Schwächeren bei. Also gibt es kein neutrales Publikum.
Fette
Gedanken.
Wieviel mehr Wirkung und Nutzen hätte mancher Gedanken
stiften können, wenn er nur kursiv oder fett gedruckt worden
wäre! Wie auch im sonstigen Leben, ist Unauffälligkeit
nicht
immer eine Tugend.
Vorbilder.
Manche intelligenten Menschen halten sich mehr an Vorbücher als an
Vorbilder. Aber ohne Vorbücher kann man leben, ohne Vorbilder
dagegen nicht.
Wirkung des Lesens.
Was man liest, färbt ab. Ich merke es dann am besten, wenn
ich
mich wieder schwarz geärgert habe.
Pfarrer Holmer.
Holmer hieß der Christenmensch, der nach dem Sturz Honeckers
den einstigen Meister der Mauern und Minen sowie dessen Frau
aufnahm, ihnen verzieh und vergab und öffentlich betonte,
dass
Honecker eigentlich ein netter, freundlicher Mann sei. Und wenn
dann doch jemand zornig auf den vormaligen Herrn von
Stacheldraht, Staatssicherheit und Sozialismus war, dann predigte
Pfarrer Holmer, man solle sich nicht von Emotionalität leiten
lassen.
Die Ehren des Alters.
War Stefan Andres, dieser große moselländische Schriftsteller,
ein
potenzieller Kandidat für den Nobelpreis? Wäre er noch
zwanzig
Jahre älter geworden, so hätte er gewiss noch manchen
bedeutenden Literarturpreis erhalten und vielerlei Ehrungen
erfahren. Dies hätte einfach in der Gesetzmäßigkeit
des
europäischen Ehrungssystems gelegen: Wer einmal geehrt wird,
wird meist noch oft geehrt - wenn er eben nur alt genug wird.
Quartalsschwermut.
Gustav Frenssen, der Dichter aus Dithmarschen, schrieb über
sich, er sei kein Quartalssäufer gewesen, wohl aber ein
Quartalsschwermütiger. Wenn man seine „Grübeleien“ liest,
dann
entsteigt aus ihnen in der Tat eine graue Atmosphäre und man
könnte meinen, er habe seine Eintragungen nur an solchen
Quartalstagen geschrieben. Auch dann, wenn er etwas notiert,
was
ihm wirklich Freude bereitet, liegt ein schwermütiger Himmel
darüber. Diese Düsternis ist, scheint mir, aber weniger
Ausdruck
der Schwere der Landschaft und des holsteinischen
Menschenschlages, dem er angehörte, als vielmehr eine Folge
der
allgegenwärtigen Betrübnis des enttäuschten Christen:
also eines
Menschen, dem das Christentum innerlich völlig fremd geworden
ist, der aber noch nicht wagt, sich dies einzugestehen und diese
Einsicht wenigstens vor sich selbst kämpferisch zu vertreten.
Katholische Kirche und
Dreißigjähriger Krieg.
Der damalige Papst war seinerzeit gegen den Westfälischen
Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Wenn
noch mehr
Deutsche umgekommen wären, was hätte es ihn geschert?
Wenn in
diesem furchtbaren Schlachten die protestantischen Vorfahren
eines Goethe, Kant, Hegel, Nietzsche, eines Bismarck, Haeckel
oder Virchow, umgekommen wären und die Genannten und
Tausende andere höchstbegabte Gegner der katholischen Kirche
gar nicht erst geboren worden wären - hätte Rom dann
getrauert?
Gewiss nicht.
Krieg - biopolitisch gesehen.
Hätte der Dreißigjährige Krieg nur fünfzehn
Jahre gedauert und
nur halb so viele Menschenopfer gefordert als dies tatsächlich
der
Fall war, dann hätte es möglicherweise einige Generationen
später
in deutschen Landen doppelt so viele Persönlichkeiten vom
geistigen
Kaliber eines Goethe, eines Hegel, eines Beethoven, gegeben.
Die
Zeit um 1800 war unglaublich reich an herausragenden Deutschen,
aber selbst diese Zeit hätte - wie auch die Jahre davor und
danach -
noch produktiver sein können. Ohne die Verluste des
Dreißigjährigen Krieges wäre mit großer Wahrscheinlichkeit
Deutschland das führende Land der technisch-industriellen
Revolution geworden. Wie verheerend sich Kriege auf das
geistig-kulturelle Potential eines Landes auswirken, war in diesem
Jahrhundert manchen Deutschen - wie etwa dem
Bevölkerungsforscher Friedrich Burgdörfer, dem Pädagogen
Wilhelm Hartnacke oder dem pazifistischen Kulturbiologen Nicolai
-
überdeutlich bewusst. Weil Burgdörfer und Hartnacke dies
wussten und weil sie zugleich starke Patrioten waren, warnten sie
entschieden vor einem zweiten Weltkrieg. Es gibt niemanden, für
den derart mit größter Vernunft und Bewusstheit ein
Krieg nahezu
um jeden Preis zu vermeiden ist, wie für solche biopolitisch
denkenden Menschen.
Zeichen großer Geister.
Es ist ein Kennzeichen sehr großer Begabungen, dass sie andere
sehr intelligente Menschen völlig verdummen können. Hoch
begabte Menschen sind gegenüber den Narreteien der Masse
erstaunlich resistent, aber auffällig anfällig für
Dummheiten von
ihresgleichen.
Luthers wichtige Leistung.
Die Zulassung der Priesterehe durch Luther hat viele vormals
unehelich Kinder ehelich und ehrlich gemacht, wenn ihr
priesterlicher Vater nun heiratete. In der katholischen Kirche
dagegen mussten Priesterkinder die Schande bleiben, die sie
niemals waren.
Unbegreifliche Begabung.
Die Viertelstunde wird nie wissen, was man in einer halben Stunde
alles machen kann.
Botschaften.
Manche Denkenden, die ihre Botschaften zugleich offenbaren und
verheimlichen wollen, fangen an, Gedichte zu schreiben.
Pseudoaphoristiker.
Es ist eine größere Leistung, auf zehn Seiten keine
Dummheiten
zu Wort kommen zu lassen, als Unsinn prägnant in einen Satz
zu
fassen. Auf Kürze allein darf sich kein Aphorismus etwas
einbilden.
Neue Gedanken.
Manche reden so abfällig über neue Ideen, wie es eine
verschimmelte Banane gegenüber Frischobst tun würde.
Trost.
Wenn man tot ist, hält man das Leben nicht mehr für zu
kurz.
Solange man das Leben für kurz hält, lebt man immerhin
noch.
Politiker.
Einen schweren Stand haben diejenigen Regierenden, die
bestimmen, dass sich A auf B zu reimen hat. Trotzdem versuchen
sie es immer wieder.
Gott als Frau.
Würde Gott als weibliches Wesen gesehen, so hätte dies
zumindest den Vorteil, dass sich Philosophen und Theologen nicht
mehr ganz so sicher wären, zu wissen, wie sie ist und was
sie will.
Vorurteile und Ruhm.
Wer mit seinen Geistesschöpfungen lange überdauern will,
der
sollte Vorurteile schaffen: Nichts besteht länger.
Unhedonistische Deutsche.
Ganz besondere geschichtliche Ereignisse haben in Deutschland
oft die unangenehme Neigung, in einen so unfreundlichen Monat
wie den November zu fallen. Das zeigt aber auch, dass die
Deutschen hedonistischer sind als viele glauben: Wenn das Wetter
schön ist, wollen sie etwas anderes als Geschichte machen.
Zwei Arten von Menschen.
Was die einen in Willkür zerstören, bauen die anderen
in
Willpflicht wieder auf.
Kopien.
Man sollte gerade Kopisten im Original lesen.
Die Umstände des Denkens.
Wer in der Gülle sitzt, denkt nichts Schweinisches.
Unsterblichkeit.
Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt - hält der nicht die
Toten
für Schauspieler?
Aphorismen und kurze Sätze.
Es gibt unter den Aphorismen Kopftreffer, Bauchtreffer und
Schläge unter die Gürtellinie, aber keine Luftschläge.
Geistige
Luftschläge sind keine Aphorismen, sondern allenfalls kurze
Sätze.
Vom Mutigsein.
Diejenigen, die guten Mutes waren, haben oft mehr erreicht als
diejenigen, die nur klugen Mutes waren.
Die Verursacher des Todes.
Wer ein Kind gebiert oder zeugt, der verursacht einen Tod mehr.
Doch sollte man nicht den Eltern vorwerfen, dass man zu sterben
hat. Dann noch eher den Urgroßeltern.
Kreativität in der Zeit.
Die Gegenwart, der wenig einfällt, lässt der Zukunft
immerhin die
Chance der Originalität.
Die Fähigkeit zum intelligenten Werk.
Wer ein einzelnes intelligentes Buch von hundert Seiten schreibt,
der hat auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit für
tausend kluge
Seiten. Es kann ihm zwar an Zeit, Gesundheit, Gelegenheit oder
Willen mangeln, aber der intellektuelle Genius zeigt sich dem
aufmerksamen Beobachter nicht erst in der Quantität.
INRI.
Die Inschrift auf dem Kreuz hat sich nicht an das ungebildete Volk
gerichtet, das des Lesens unkundig war. Sie bleibt eine Botschaft
an die Gebildeten.
Grenze der Sprache.
Wer die Sprache der Eskimos beherrscht, kann deswegen noch
lange nicht im Eis fischen.
Gleichheit oder
Intelligenz.
Diejenigen, die die Gleichheit der Menschen hervorheben, sind
immer auch solche, für die Intelligenz nicht zu den wichtigsten
menschlichen Eigenschaften gehört.
Adornos
Sexualethik.
Erster und einziger Grundsatz der Sexualethik: der Ankläger
hat immer recht.
Recht hast du damit, Theodor Wiesengrund Adorno, pflichtet der
gebildete Kinderfreund ihm bei.
Neue Dimension.
Wie bescheiden das Abendland geworden ist: Mit nur zwei
Kindern kann man heutzutage in Europa schon in eine neue
Dimension vorstoßen: in die der Überdurchschnittlichkeit.
Lichtenberg und Trithemius.
Lichtenberg wurde ungefähr so alt wie der geniale moselländische
Abt Trithemius. Wer von Beiden hatte mehr Freude in seinem
Leben? Wenn man die Freuden der Sexualität berücksichtigt,
müsste eigentlich Lichtenberg der glücklichere gewesen
sein. Aber
vielleicht war Trithemius, der sich nie um eigene geliebte Kinder
Sorgen machen musste und auch nicht um den Verlust geliebter
Frauen, deswegen weniger unglücklich. Doch: Weniger
unglücklich gewesen zu sein, ist bereits ein starkes
Indiz dafür,
auch weniger glücklich gewesen zu sein.
Leben und Religion.
Je sicherer das Leben, desto bedrohter die Religionen.
Zwitterwesen.
Es gibt nicht nur Hermaphroditen, es gibt auch Hermaphorismen.
Christian Morgenstern
und die Anthroposophie.
Morgenstern war ein fruchtbarer Boden, auf dem manche schöne
und nützliche Pflanze wuchs - bis er versteinerte.
Kulturhistorische Randbemerkung.
Die Bukowina - nein, das war keine österreichische Konditorei.
Über die Menschheit.
Wie viele Menschen muss man persönlich kennengelernt haben,
um mit Berechtigung etwas über die Menschheit sagen zu können?
Kleines Leid.
Das immer noch zu häufige Erwähnen des großen Freud.
Sigmund Fraud.
Hans-Jürgen Eysenck, herausragender Psychologe des späten
20.
Jahrhunderts, schrieb über den Begründer der Psychoanalyse:
What is new in Freud is not true, and what is true is not new.
Philosophisches System.
Wer im Denken kein System will, der hat schon eins.
Der hochbegabte Mensch.
Ist die kleine Minderheit der geistig extrem Begabten eine eigene
Art, Homo megasapiens gewissermaßen? Begabt mit allen
Fehlern, Gebrechen und Tugenden der anderen Menschen, aber
diese in einer gefährlicheren und vor allem beeindruckenderen
Weise verkörpernd? Dass sie keine eigene Art sind, kann man
jedoch schon daran erkennen, dass sie sich fruchtbar mit den
anderen Menschen fortpflanzen können und vielleicht noch mehr
daran, dass sie dies meist sehr gerne tun.
Poseidon und das göttliche Leben.
Martin Bernal, amerikanischer Professor
angelsächsisch-marranischer Herkunft, glaubt, Poseidon sei
ursprünglich ein ägyptischer Gott gewesen. Der deutsche
Pastor
und Forscher Jürgen Spanuth hält es dagegen für
erwiesen, dass
Poseidon der Religion der Nordseevölker, der Germanen,
entsprungen ist. Die meisten Gelehrten - und dabei vor allem die
griechischen - halten ihn wiederum für einen genuin griechischen
Gott. Kann nun ein Gott, um den sich so viele streiten, wirklich
tot
sein? Tot wäre er erst, wie jeder Gedanke, wenn es um ihn
keinerlei Auseinandersetzungen mehr gebe. Wer einer Idee
widerspricht, hält sie am Leben. Wer eine Idee aktiv vernichten
will, haucht ihr gerade dadurch weiteres Leben ein.
Das Lächeln der Pflanzen.
Wenn Blumen das Lächeln der Pflanzen sind, wie Hebbel meinte,
sind dann Nutzpflanzen ihr Grinsen? Oder ihr Weinen?
Müll
der Geschichte.
Manchmal ist es rühmlicher, auf dem Müll der Geschichte zu
landen, als gar
keine Geschichte zu machen.
Literatur und Bewertung.
Gestern nacht las ich Lear. Schrieb Canetti. Ich dagegen las in
der
vergangenen Nacht - Canetti. Wer dies jetzt liest, liest mich.
Von
Shakespeare über Canetti zu Brand: Kann man darüber
nachdenken, ohne eine solche Entwicklungslinie zu bewerten?
Ohne die Beteiligten in Besser und Schlechter einzuteilen? Es ist
in der Tat möglich, sich zu einer nichtwertenden Betrachtung
zu
erziehen. Man sollte dies sogar tun, lehrten Rudolf Steiner und
Buddha. Mir selbst bereitet jedoch das Werten mehr Freude.
Eine Frage der Identität.
Ein Mississippi, der ins Mittelmeer mündete, würde deswegen
noch lange nicht zum Nil.
Georges Bataille.
Mit seinem Werk hat die katholische Kirche zwar wieder eine
Schlacht, aber noch längst nicht den Krieg verloren.
Die letzte Gleichheit.
Beim Sterben verhalten sich die Dümmsten nicht anders als
die
Klügsten: Sie tun es nur einmal. Wenn Sterben ein Fehler
ist,
dann zeigt sich, dass dabei auch die Dümmsten endlich klug
geworden sind: Diesen Fehler machen sie nicht noch einmal.
Der lange Ruhm.
Wer einen schlauen Satz an den anderen reiht, von dem wird man
nachher nur wissen: Er war sehr schlau. Mit großen Dummheiten
dagegen, die man nicht nur sagt, sondern auch in seinen
Handlungen begeht, bleibt man länger im Gedächtnis der
Menschheit. Große Dummheiten sind unterhaltsamer als jede
Weisheit.
Drei Philosophen in
der Talkshow.
Nietzsche wäre mit seinen wirkungsvoll formulierten und
zugespitzten Provokationen ein idealer Gast für eine Talkshow
gewesen - zunächst wenigstens. Dazu als weitere interessante
Talker: Kierkegaard und Weininger. Aber der zuschauerlockende
Reiz wäre nach wenigen Auftritten schon vorbei, gerade dann,
wenn die wirklich interessanten Fragen erörtert würden.
Allzu
schnell würden diese drei ängstlichen Männer der
medialen
Vergessenheit anheimfallen. Weininger hätte damit einen weiteren
Grund, sich umzubringen, Kierkegaard, sich schuldig zu fühlen
und Nietzsche, verrückt zu werden.
Unterhaltsame Weisheit.
Es gibt Weisheiten, die können zumindest für Sekunden
unterhaltsam sein. Sagt der Aphorismus.
Aus der Geschichte lernen.
Dass jemand aus der Geschichte lernt, heißt noch lange nicht,
dass
er die richtigen Lehren zieht. Hat er von der Geschichte eine
falsche, den objektiven Gegebenheiten widersprechende Sicht, so
wird er vermutlich auch zu falschen Schlüssen kommen. Wichtiger
noch als aus der Geschichte zu lernen, ist, sie im Wesentlichen
richtig zu begreifen. Auch dies ist eine Lehre aus der Geschichte.
Die Gegner der Kompromisse.
Wer für den Krieg ist, muss natürlich Appeasement-Politik
verächtlich machen.
Unpassende Religion.
Wenn jetzt einem subtropischen afrikanischen Stamm die alte
heidnische Religion der Eskimos aufgezwungen würde und diese
Afrikaner dann tausend Jahre mit dieser Religion lebten: Es bliebe
eine fremde, ihrer Art und ihrer Welt nicht entsprechende Denk-
und Sichtweise.
Von Germanen.
Wenn ein Fernsehreporter bei Rowdies und Hooligans von
„germanischen Horden“ sprechen darf, bloß, weil es sich um
Deutsche handelt, dann muss es auch erlaubt sein, von
germanischen Technikern, germanischen Künstlern, von
germanischen Genies zu reden - und damit Deutsche zu meinen.
Aber in dieser Weise spricht und schreibt kaum einer. Das
Germanische wird ignoriert oder sogar negiert und denunziert.
Aber ist das nicht gerade typisch germanisch?
Götter als Götzen.
Michael Wolffsohn, der jüdische Professor, nennt - wie auch
viele
Christen vor ihm - die Götter der Philister abwertend Götzen.
Dass es heute noch Juden gibt, aber keine Philister, besagt jedoch
noch nicht, dass ihre Götter weniger real sind als der Gott
der
Juden. Wer überlebt, hat nicht immer recht gehabt - das weiß
niemand besser als die frommen Großen der Juden.
Dimension
unterschiedlicher Intelligenzen.
Die geistigen Welten der einzelnen Menschen sind sehr
unterschiedlich groß und reichen vom kleinen gemieteten Zimmer
bis zu unergründlichen Erdteilen - falls man Geistiges überhaupt
im physischen Vergleich darstellen kann.
Heimliche Enthauptung.
Man kann eine Kultur auch dadurch enthaupten, dass man ihre
fähigsten Köpfe hindert, sich zu entfalten.
Sprünge der Natur.
Die Natur macht keine Sprünge, heißt es. Und die Kinder:
Sind sie
etwa keine Natur?
Volksaberglaube.
Ich halte es für wahrscheinlich, dass viele Leute glauben:
Wem
viel einfällt, der schreibt einen Roman; wem wenig einfällt,
der
schreibt einen Aphorismus.
Über das Leben.
Ohne Irrtum hätte das Leben keine Musik.
Vom Nutzen, einem Großen Volk anzugehören.
Ist es gut, einem Volk von Dichtern und Denkern anzugehören?
Ist es auch dann noch gut, wenn andere Völker sich als unfähig
erweisen würden, dieses Denken zu verstehen und zu würdigen?
Wenn dieses Volk gar für sein Denken bestraft würde?
Die Juden
sind ein Volk der Dichter und Denker.
Schwacher Trost.
Aller Tod sei nur Verwandlung, lehren uns viele Weise durch die
Jahrhunderte und wollen uns damit trösten. Aber warum eigentlich
soll Verwandeln weniger schlimm sein als Sterben?
Verlorene
Unschuld I
Als Adam und Eva ihre Scham mit Feigenblättern bedeckten,
nahmen sie auf deren Schamhaftigkeit keine Rücksicht.
Verlorene Unschuld II
Als Adam und Eva etwas suchten, um ihre Scham zu bedecken,
drängten sich die lüsternen Blätter des Feigenbaums
schamlos vor.
Verlorene Unschuld III
Als Adam und Eva mit Feigenblättern ihre Scham bedeckt hatten,
waren ihre Gesichter nicht mehr zu sehen.
Russen.
Wenn Russen in ihrer Sprache von sich und ihrem Land reden,
kann man sie leicht für Rassisten halten.
Konsequenz.
Konsequent sein - das bedeutet oft, einen Gedanken zu seinem
Unglück zu zwingen.
Gott und Geist.
Wer Gott nur für Geist hält, hat keinen.
Ernst Jünger und
der Tod.
Ernst Jünger hat in vielen seiner Aufzeichnungen in einer
solchen
Weise über den Tod geschrieben, als kenne er ihn persönlich.
Aber er hätte nicht nur 103, sondern sogar 301 Jahre alt werden
können: Den eigenen Tod hätte er nie kennengelernt.
Gottestod,
Menschentod.
Carl Schmitt schreibt in seinem Werk über Theodor Däubler
von
jener schrecklichen Stunde, die Däubler „in all ihrem Schrecken“
beschhrieben habe: Die Stunde, in der Christus am Kreuze starb.
Ich kann den besonderen Schrecken dieser Stunde nicht begreifen.
Gewiss, es ist immer schrecklich, wenn ein guter Mensch stirbt
und vielleicht ist es sogar schrecklich, wenn ein böser Mensch
stirbt. Aber wieso soll dies bei Jesus ein besonderer, geradezu
kosmischer Schrecken gewesen sein? Sein Tod kann doch nur der
Tod eines Menschen gewesen sein. Gott, der Ewige und
Unsterbliche, der ist doch nicht am Kreuz gestorben. Wenn er
jemals lebend gewesen ist, dann ist er nie gestorben. Nun ist nach
christlichem Glauben Gott Mensch geworden. Aber das kann nicht
bedeuten, dass die Göttlichkeit in der Menschlichkeit aufgegangen
ist und mit dieser zusammen dann gestorben wäre. Immerhin
ging
auch nach Jesu Tod das irdische und das kosmische Leben weiter.
War Gott denn in dieser Zeit, bis zur Auferstehung, tot? Dann
hätte sich in diesen paar Tagen gezeigt, was Atheisten ohnehin
für
sicher halten: Dass die Welt auch ohne Gott bestehen kann. Nein:
Gestorben ist ein Mensch. Und an das Sterben von Menschen ist
die Erde und sind die Himmel seit Millionen Jahren derart
gewöhnt, dass sie deswegen nicht mehr erschrecken. In der
Stunde, als Jesus starb, starben viele Menschen und wurden viele
geboren. Kein Vogel in germanischen Wäldern oder in slawischen
Sümpfen hat wegen einer Hinrichtung in Jerusalem sein Lied
unterbrochen. Die Kolkraben krächzten weiter und in den Rudeln
der Wölfe knurrte und biss man, ungerührt, um die Führung
und
das Recht zur erlösenden Paarung.
Dummheit und Vorsicht.
Wer sich mit allen Mitteln vor Dummheiten hüten will, wird
nie
ein kluges Wort herausbringen. Aber nur die wenigsten derer, die
keine klugen Gedanken aussprechen, tun dies, weil sie nichts
Dummes sagen wollen. Jeder, der sich äußern kann, kann
auch
etwas Kluges sagen und wird dies auch irgendwann tun - und
wahrscheinlich überhört werden, weil niemand damit rechnet.
Bruchstücke
von Wahrheit.
Je mehr sich eine Wahrheit aufspaltet, desto schwieriger wird die
Lüge erkennbar, die sich dann dahinter verbirgt. Eine
Viertelwahrheit ist gefährlichher als eine Halbwahrheit, von
Hundertstelwahrheiten und Promillewahrheiten gar nicht zu reden.
Hinter diesen kleinen fragmentarischen Wahrheiten verbergen sich
die dauerhaftesten Unwahrheiten.
Wahrheit
und Missbrauch.
Wenn jemand mit Tatsachen Missbrauch betreibt, muss man den
Missbrauch bekämpfen, aber nicht die Tatsachen verschweigen.
Nachruhm.
Das Schöne am lang währenden Nachruhm ist der vorherige
Irrglaube daran.
Fehlende Regieanweisungen.
Bei der Abfassung der Evangelien wurde durchweg vergessen,
die Regieanweisungen aufzuschreiben. So weiß man beispielsweise
nicht, mit welcher Gestik und Mimik Jesus etwas gesagt oder
in
welchem Ton er gerade geredet hat. Bei welchen seiner
Bemerkungen hat er ironisch gelächelt, wann hat er laut gelacht
oder leise und betrübt etwas gesagt? Ich halte es für
viel zu
einfach, wenn man mangels solcher Hinweise immer nur davon
ausgeht, alles sei in ernstem und lehrhaften Ton gesagt worden.
Männliche Bemerkungen.
Bei gar nicht so wenigen Bemerkungen von Männern ist ein
bestimmter Tonphall unüberhörbar.
Gott, Mensch und Mücke.
Planlos fliegt eine Mücke durch die Luft. Denkst du. „Narr“,
denkt
Gott dabei von dir. „Der Einzige, der planlos durchs leben geht,
das bist du!“ Nein, so denkt Gott natürlich nicht, denn er
weiß,
dass nicht einmal der Mensch ohne Sinn und Ordnung seine
seltsamen Bahnen zieht.
Kindische Maxime.
„Gefährlich leben!“ Diese Forderung Nietzsches wird von
Kleinkindern täglich gelebt.
Gefahr durch Einfälle.
Wenn ein Einfall dem anderen folgt, kommt schnell die Zeit, wo
man ganz bewusst die Tür zumachen muss. Zu viele Einfälle
zerstören jede Inneneinrichtung.
Wert der Vernünftigen.
Vernünftige Menschen sind für das Gedeihen der Menschheit
wichtiger als religiöse Menschen. Allerdings sind die religiösen
Menschen oft die vernünftigeren.
Denkwerk und Handwerk.
Große Denker können in der Regel deswegen viel schneller
denken als selbst einfache Handarbeiten verrichten, weil sie im
Denken wesentlich geübter sind. Es gibt keine Tätigkeit,
in der sie
soviel Übung besitzen wie im Nachdenken, da sie damit
die meiste
Zeit beschäftigt sind - auch wenn es ihnen
selbst gar nicht bewusst ist.
Pseudobewegungen.
Es gab schon allzu viele politische und ideologische Bewegungen,
die -
hätte man sie gewähren lassen - alles zum Stillstand
gebracht
hätten.
Die größten
Gegensätze.
Die heftigsten Auseinandersetzungen auf der Welt finden nicht
statt zwischen West und Ost oder Nord und Süd, sondern
zwischen Nordwest und Nordnordwest.
Genealogen.
Aufmerksam zuhörende Genealogen sind meist ganz Ur.
Das rechte Maß.
„Maßvoll“ schreibt man mit nur einem a. Müßte
man nicht maßlos
mit mindestens drei „a“ schreiben?
Historische Randnotiz.
Und die Ungerechtigkeit nahm wieder ihren Gewehrlauf.
Die Schönheit der Wahrheit.
Wenn eine Wahrheit schön ist, dann ist sie nackt am
schönsten.
Geist und
Freiheit.
Ob der menschliche Geist frei ist, steht nicht fest. Aber immerhin
wissen wir schon, dass das Gehirn aus Zellen
besteht.
Poesie und Verstand.
Der Verstand muss auch die Wunden heilen, die die Poesie
schlägt. Die Wunden werden größer, wenn er nur
zurückschlägt.
Kritiker als Blutsauger.
Nur die besten Kritiker leben vom Blut ihrer Opfer, die anderen
nehmen mit anderen Körperprodukten vorlieb.
Beobachtung.
Voyeurismus ist wahrlich nicht die langweiligste Weltanschauung.
Gebildete Unwissenheit.
Es soll Historiker geben, die Saumagen für eine altertümliche
Verwandtschaftsbezeichnung halten.
Äugigkeit.
Es ist ein Zeichen von Braunäugigkeit, Blauäugigen Blauäugigkeit
zu unterstellen.
Roman.
Jedes Tagebuch ist ein Roman.
Nach dem Millenium.
Die nächste Jahrhundertwende ist in der Ferne schon erkennbar
und die nächsten Jahrhundertwände, durch die viele mit
dem Kopf
wollen, auch.
Nähe zum Sinn.
Das Schamhaar eines Menschen ist sowohl dem Sinn als auch dem
Unsinn des Lebens näher als ganze philosophische und
theologische Bibliotheken.
Verdienst des Unglaubens.
Vernünftige Menschen wissen, was sie ihrem Unglauben
verdanken - und danken Gott dafür.
Kaffee, Bier,
Wein.
Es bleibt immer wieder erstaunlich, wie sich etwas so
Immaterielles wie der Geist durch allbekannte und ganz
gewöhnliche Flüssigkeiten beeinflussen läßt.
Schönes Fett.
Das Fett, das sie - wie sie glaubt - an Bauch und Po zuviel hat:
Er
würde es ihr wegstreicheln und wegküssen - wenn sie ihn
nur
ließe.
Geistloser Tag.
Ich hätte nie geglaubt, dass ich für so wenig Aphorismen
so viel
Alkohol brauche.
Propheten.
Sobald Propheten auftreten, haben sie es auch schon mit
Contrapheten zu tun.
Morgensterns
Hügel.
Morgenstern fand Hügel schöner als Berge. War das auch
eine
erotische Vorliebe?
Großes Gehirn
und kleine Welt.
Je größer das Gehirn eines Menschen ist, desto kleiner
sind die
Dinge, die es beeinträchtigen können.
Wortspiele.
Bloße Wortspiele ohne sind so interessant wie ein Fußballspiel
ohne
Tore.
Jüngstes Gericht.
Da werden doch wohl auch diejenigen gerichtet werden, die nicht
gerichtet haben - oder fällt für diese das Jüngste
Gericht aus?
Zivilisation der europäischen Provinz.
Prozentual nicht viele Afrikaner wären - allein schon aufgrund
mangelnder Schulbildung - fähig, den Ausführungen zu
folgen, die
etwa in einem deutschen Dorf in den Sitzungen eines
Ortsgemeinderates regelmäßig vorgenommen werden. Zahlreiche
Begriffe - etwa aus den Bereichen der Statistik, der Ökonomie,
des
Rechts, der Wissenschaft überhaupt - wären ihnen völlig
fremd
und unverständlich. Was in den Staaten des Nordens zur
Allgemeinbildung zählt, ist in nicht unbedeutenden Teilen
der
Welt nur wenigen Menschen vorbehaltenes Geheimwissen.
Zufälliges Zusammentreffen?
Gerade, als ich etwas über Leute schreiben wollte, fing es
an zu
läuten. Oder hörte ich, ohne mir dessen bewusst zu sein,
doch
zuerst den Ton der Glocken?
Reiz der Schönheit.
In Afrika laufen die Afrodisiaka zu Millionen herum.
Wissen und Kreativität.
Je mehr man weiß, desto mehr fällt einem ein - wenn
man sein
Wissen nicht wie einen Felsblock vor den Eingang seines Denkens
schiebt.
Gefahren.
Es ist für den Charakter nicht gut, nur von Geistesgrößen
umgeben zu sein und es ist für die Intelligenz nicht förderlich,
nur
Tugendhafte um sich zu haben.
Das europäische Haus und sein
Architekt.
Der am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts von Politikern so gern
benutzte Begriff des "europäischen Hauses", als dessen Vater
gemeinhin Gorbatschow genannt wird, wurde schon Jahrzehnte
vorher in öffentlichen Reden von Adolf Hitler gebraucht. Die
Erkenntnis dieser Urheberschaft sollte aber kein Grund sein, an
diesem Haus nicht weiter zu bauen.
Zur Kreativität der Kreativen.
Es ist wahr, dass erlebte Kreativität - das Lesen eines Gedichts
oder einer wissenschaftlichen Abhandlung, das Betrachten eines
Gemäldes, das Hören einer Sonate, das Wandern durch einen
Wald - dem Hervorbringen eigener kreativer Leistungen günstig
ist
- aber nur bei denjenigen, die zu solchen schöpferischen
Leistungen fähig sind. Die Vielen, die zwar manches können,
aber
nicht selbst Neues schaffen, ödet Kreativität an, wenn
erst einmal
ihr oberflächlicher Unterhaltungswert vergangen ist.
Nietzsches Vorfahren.
Friedrich Nietzsche bildete sich irrtümlich ein, von polnischen
Adligen abzustammen. Wie hätte es seine Philosophie beeinflusst,
wenn er gewusst hätte, dass die Vorfahren seiner
Pastorenvorfahren in Wirklichkeit sächsische Fleischer waren?
Nietzsche hat aus genealogischen Fragen eine
Ideologie
gemacht, auch weil er selbst von realen genealogischen
und historischen Zusammenhängen wenig wusste.
Zukunft.
Wer die Zukunft zu kennen glaubt, dem ist sie Gegenwart.
Falsche Zukunft.
Die bloß eingebildete Zukunft ist reale Gegenwart.
Lebensbedingungen.
Bereits vor unserer Geburt stellt uns die Natur zahlreiche
Lebensbedingungen - und schon da haben wir nicht die Wahl, sie
abzulehnen.
Sündenböcke.
Der Sündenbock wäre kein Bock, wenn er nicht allzu gerne
neue
zeugen wollte.
Versäumnisse.
Was man im Leben versäumt hat, kann man sich zwar vorstellen,
aber man sollte sich nicht einbilden, sich daran erinnern zu
können.
Die wahren Kritiker.
Die wahren Kritiker sind diejenigen, die nicht öffentlich
gelobt und
mit Lobreden und Preisen als kritische Geister geehrt werden.
Blüten.
Viele halten für geistigen Blütenstaub, was bloß
Staubblüten sind.
Nietzsche und der Superlativ.
Nietzsche war in den Superlativ verliebt, sogar in den des Inhalts.
Und der ist meist noch unerträglicher als die bloß superlativische
Form.
Der Draht des Volkes.
Wer ein Volk zu sehr umbiegt, hat es am Ende da, wo er
angefangen hat.
Besondere Tage.
Nein, man hat es nicht selbst in der Hand, aus einem
gewöhnlichen einen besonderen Tag zu machen; man muss es dem
Schicksal überlassen. - Aber man kann es im Kopf haben.
Besondere Tage werden immer nur dem Kopf gemacht. Aber auch
der Kopf ist Schicksal.
Fiktionen.
Wenn ich schreiben würde, dass das, was ich schreibe, als
nicht
geschrieben gelten soll, hätte ich es dann geschrieben oder
nicht?
Die meisten großen Autoren behandelt man so, als hätten
sie auch
das geschrieben, was sie nicht geschrieben haben.
Brechtsche Gedichte.
Nicht wenige von den Gedichten Bert Brechts sehen so aus, als
habe er bei der Wahl zwischen prosaischem Aphorismus und
Gedicht sich im letzten Moment wieder für die Gedichtform
entschieden. Er wollte vielleicht eher als Lyriker denn als
Aphoristiker im Gedächtnis und Bewusstsein bleiben.
Über richtige Antworten.
Wenn man jemanden nach dem Weg fragt und der Gefragte zeigt
dann in alle vier Himmelsrichtungen, dann kann er durchaus Recht
haben: Fast immer führen viele Wege nach Rom. Nicht immer
sind
die richtigen Antworten auch die nützlichen. Man ist selten
mit der
bloßen Richtigkeit zufrieden. Oft will man, ohne sich dessen
bewusst zu sein, eine Antwort, die über viel mehr Auskunft
gibt,
als man überhaupt erfragt hat.
Aphorismen und Weisheit.
Würde es zum Begriff des Aphorismus gehören, dass er
Weisheit
enthält, dann würde sich das Aphorismenwerk auch vieler
berühmter Aphoristiker um mehr als Dreiviertel vermindern.
Ein guter Aphorismus muss nicht unbedingt Weisheit,
aber er sollte zumindest Intelligenz enthalten.
Was es zu wenig gibt.
Vertonte Aphorismen, verfilmte Aphorismen, verspielte
Aphorismen.
Kritiker und Literatur.
Die meisten Kritiker erkennen gute Literatur sofort - falls sie
zufällig in
namhaften Verlagen erscheint.
Das Genie und die Zeit.
Ein Genie ist seiner Zeit so wenig voraus, wie ein Berg einem Tal
zeitlich voraus ist.
Freude und Vorfreude.
Solche Frauen sind Männern ein Augenschmaus, von denen diese
ahnen, dass jene ihnen auch ein Penisschmaus wären.
Im Haus des Verstandes.
Kluge Menschen öffnen im Leben auf der Suche nach mehr
Wissen Lektüren um Lektüren.
Scheide.
Das Wort „Scheide“ könnte uns daran erinnern, dass keine Lust
ewig währt.
Grundlage des Philosophierens.
Das Gehirn ist das A und O des Philosophierens. Dies wird
von
Philosophen mindestens so oft vergessen wie der Umstand, dass
es dazwischen noch viele andere Buchstaben gibt.
Historisches Detail.
Wer sich genauer für geschichtliche Abläufe interessiert,
weiß,
dass europäische Aufstände zu einem guten Teil Saufstände
waren.
Spiegel.
Erkenne Dich doch selbst! Rief er noch, bevor er den Spiegel
zerschlug.
Die Schuldfrage.
In alteuropäischen Zeiten wurden noch Tiere befragt,
ob ein
Mensch schuldig war oder nicht. Bald wird man Computer um
solche Entscheidungen bitten. Die Ergebnisse werden so
zutreffend sein wie einst bei den Tieren.
Ansteckende Gedanken.
Als Habermas 1968 feststellte, Nietzsche habe „nichts
Ansteckendes mehr“, da stellte er fest, was gar nicht festgestellt
werden kann: Wirkung und Zukunft lebendigen Denkens. Solange
ein Gedanke überhaupt noch bekannt ist, kann er auch potenziell
wirksam, also ansteckend, sein. - Als Habermas jene Bemerkung
machte, las ich, elfjährig, mit höchstem Interesse in
den Schriften
Nietzsches; gäbe es meine Deutschaufsätze noch,
so könnten sie
seine damalige infektiöse Potenz noch heute bezeugen.
Rationale Aussichten.
Ich schreibe meine Gedanken auf und ab - und irgendwann werde
ich innehalten und plötzlich sogar wissen, was ich denke.
Zwei Arten der Unzufriedenheit.
Oberflächenunzufriedenheit und Grundunzufriedenheit. Je
grundunzufriedener jemand ist, desto mehr leidet er an der
Oberfläche.
Zeit und Raum.
Ich finde es gut, dass die Menschen lieber die Zeit als den Raum
totschlagen. Jeder hat seine eigene Zeit, aber der Raum ist für
viele
da.
Zeit.
Das „ei“ in „Zeit“ ist zwar klein, aber immer befruchtet.
Wein für Pferde.
So unterschiedlich sind die Menschen: Es gab Länder, wo man
den
Pferden Wein gab, damit sie tanzen sollten, und es gab die
Moselländer, die Pferden Wein ins Wasser mischten, damit diese
stärker bei der Arbeit seien.
Freuds Frömmigkeit.
Freud hat auch als erwachsener Mann ab und zu noch gebetet -
zum Beispiel Feuerbach nach.
Wehrhafte Bücher.
Man kann es keinem Buch verdenken, wenn es sich gegen das
wehrt, was in der Bibel steht. Wahrscheinlich ärgern sich
viele
Bücher schon darüber, dass die Bibel als „Bibel“, also
Buch
schlechthin, bezeichnet wird.
Neologismen.
Durch die Kopulation von Konsonanten und Vokalen entstehen
oft hübsche neue Wörter, manchmal allerdings auch missgestaltete.
Bei der Neuschaffung von Begriffen sollte es nicht in erster Linie
auf das Aussehen ankommen, sondern es sollte auch hier gelten:
Hauptsache gesund!
Burschen.
Es ist noch kein Fortschritt, wenn man jetzt Bursche sagt statt
wie
ehedem: Pursche. Pursche möchte keiner mehr genannt werden,
schon gar nicht diejenigen Purschen, die Porsche fahren.
Ende der Genialität.
Höchste Begabung darf nie Allgemeingut werden, sonst ist sie
keine mehr. Sollte es einmal gelingen, alle Menschen zu Genies
zu
machen - dann wären es keine.
Folgeliteratur.
Da seit mehr als zweitausend Jahren Gebildete verpflichtet sind,
sich mit bereits Geschriebenem auseinanderzusetzen, ist es keine
Schande, Sekundär-, Tertiär- oder Millionärliteratur
zu schreiben.
Dies gilt um so mehr, als jede Literatur immer auch Primärliteratur
ist.
Platon als Eugeniker.
Platon war davon überzeugt, dass es Goldsamenmänner,
Silbersamenmänner und viele weitere, weniger wertvolle, Arten
von Männern gibt. Diese antike Auffassung könnte im 21.
Jahrhundert wieder sehr aktuell werden.
Ruhm.
Gar nicht so wenige Menschen würden, vor die Wahl
gestellt, posthumen Ruhm einem praemortalen vorziehen - weil sie
wissen, dass jener dauerhafter ist.
Die Stunde der Vernunft.
Wann wird die Menschheit vernünftig werden? Am frühen
Nachmittag - des St. Nimmerleinstages.
Dialektisch.
Wer etwas "schön" nennt, vergrößert die Hässlichkeit
der Welt,
auch wenn er dies meist nicht bemerkt und schon gar nicht will.
Am Ende des 20. Jahrhunderts.
An seinem Ende wusste dieses Jahrhundert noch weniger als seine
Vorgänger, ob es stolz auf sich sein konnte.
Folgen, Verfolger, Verfolgte.
Für den einen, der ans Kreuz geschlagen wurde, wurden Millionen
ins Kreuz geschlagen.
Die Frage nach der Länge der Wege.
Wenn ich wüsste, ich müsste, ehe mir ein kluger Gedanke
einfällt,
fünf Kilometer gehen - wie weit würde ich in meinem Leben
gehen?
Was Unfreiheit ist.
Unfreiheit - das ist immer die Freiheit Anderer.
Sichtweisen.
Klare Sicht ist je einmalig, Nebel wiederholt sich.
Der Baum der Erkenntnis.
Würde die Erkenntnis wirklich auf einem Baum wachsen, so gäbe
es den größten Streit darum, ob es nicht besser
wäre, den Baum
zu fällen, bevor er Früchte trägt.
Erscheinungen.
Hätte es vor zweitausend Jahren schon so viele Neuerscheinungen
gegeben wie jetzt, dann wäre der Engel, der Maria erschien,
noch
weniger aufgefallen als dies damals ohnehin der Fall war.
Rückzug.
Manche igeln sich ein, um sich besser einspiegeln zu können.
Prominente.
Sind das nicht diejenigen, die so berühmt sind, dass sie sich
selber
kaum mehr kennen?
Die Pilatusfrage.
Pilatus fragte Jesus, was Wahrheit sei. Es wäre fairer gewesen,
ihn
etwas Einfacheres zu fragen, zum Beispiel, ob 273 451 147 eine
Primzahl ist.
Neidhammel.
Die alten Deutschen wussten genau, dass diesem Tier Männlichkeit
fehlt.
Friedliche Gärten.
Nicht nur Inländer, sondern auch Ausländer machen sich
darüber
lustig, dass viele Deutsche in ihren Gärten Zwerge aufstellen.
Was
würden diese Ausländer aber dazu sagen, wenn die Deutschen
plötzlich begännen, statt Gartenzwergen Gartenriesen
aufzustellen?
Kompliziert.
Die Welt ist so kompliziert, wie man es sich nur denken kann -
aber zum Glück auch nicht komplizierter.
Fraktur und Fortschritt.
Die Werke derjenigen, die als besonders progressiv angesehen
werden, sollte man nur noch in Fraktur drucken. Dann würde
sich
zeigen, ob die Schrift den Inhalt reaktionär oder der Inhalt
die
Schriftart progressiv zu machen versteht.
Biographische Analyse.
Seine Erinnerungen hatten einen Kindheitsgehalt von 15 Prozent.
Seine Lebensfreude hatte einen Sexualgehalt von 28 Prozent. Und
wie ist es bei mir?
Seltsame Tiere.
Viele Vegetarier halten sich selbst für pflanzenfressende
Tiere.
Unpassende Ausdrücke.
Im Reich der kinderlosen Zölibatäre sollte man nicht
vom Heiligen
Vater reden und sein Territorium nicht Vatikan nennen.
Originalität.
Dummheiten sind auch dann nicht originell, wenn sie neu sind.
Der bedrohte Ursprung.
Der Beischlaf bleibe auch im 21. Jahrhundert der Ursprung des
Menschen. Keiner hat diese Ehre mehr verdient.
Atheisten.
Wer an sich selbst glaubt, kann kein richtiger Atheist sein.
Zusammenhang.
Wo ein Zusammenhang ist, da ist auch ein Berg oder zumindest ein
Hügel, der diesen Zusammenhang übersteigt.
Sonnenmusik.
Zu den wunderbarsten Arten von Musik gehört diejenige, die
durch die Kupfertöne schöner Frauen erzeugt wird.
Selbstbesinnung.
Den eigenen Atem anhalten und ihn nach seinem Namen fragen.
Canetti hätte auf eine solche Idee kommen können.
Sinnvolles Leben.
Ich habe auch dann sinnvoll gelebt, wenn ich als Hund
wiedergeboren werde. Den Sinn des Lebens will ich mir weder
von Tieren noch gar von Philosophen oder Theologen nehmen
lassen.
Segnende Hände.
Die rituellen Segnungen von Priestern sind ein blasser Schatten
gegenüber dem freundlichen Zuwinken einer schönen Frau.
Winseln.
Winseln macht auch dann keinen Eindruck, wenn es voller Wissen
ist.
Beleidigungen.
Es gibt Beleidigungen, die sitzen - und Beleidigungen, die
liegen.
Gegen die träge schlafenden Beleidigungen kann man sich am
schlechtesten wehren.
Falscher Fortschritt.
Man sollte diejenigen nicht für progressiv halten, die die
Zukunft
nachäffen wollen.
Verborgene Fossilien.
Unsere versteinerten Stunden wird kein Archäologe der Zukunft
entdecken.
Historisches Bewußtsein.
Ohne geschichtliches Bewusstsein gibt es keine Urmacher.
Genie und Wahnsinn..
Wenn Spießbürger Psychiater werden, werden Genies
zu
Wahnsinnigen.
Wege zum Ruhm.
Um berühmt zu werden, muss man heutzutage nicht mehr aus der
Reihe
tanzen - meistens genügt es schon, aus der Reihe zu torkeln.
Selbstkritik.
Gerade den gewissenhaftesten und tüchtigsten Menschen würde
es
nicht zum Schaden gereichen, wenn Selbstkritik genauso stinken
würde wie Eigenlob.
Schlechte Pädagogen.
Werden nicht allzu oft gerade diejenigen für gute Pädagogen
gehalten, die den auf Felsen gefallenen Weizen am meisten düngen
wollen?
Baum der Erkenntnis.
Abzweigungen von der Wahrheit erscheinen zunächst leicht als
hoffnungsvolle Triebe, sind aber letzten Endes meist zu
beschneidende Irrtümer.
Getüme.
Bauerntum, Deutschtum, Germanentum - das klingt so altertümlich
und reaktionär. Der Irrtum aber bleibt immer hochaktuell.
Pflaster und Wunden.
Es gibt manche historische Beispiele dafür, dass Menschen
glaubten,
ihren elenden Zustand mit Pflastersteinen heilen zu können.
Zeitraum.
Jemandes Zeit - das sind die Räume, die er in seinem
Leben
einnimmt.
Dialog.
Einige schätzen den Dialog so sehr, dass sie bereit sind, einen
anderen umzubringen, der sich nicht auf diesen Dialog einlassen
will.
Fragwürdige Toleranz.
Wieso nennt man denjenigen tolerant, der keine Monologe dulden
will?
Schattenseiten.
Ein Volk ohne Schattenseiten kennt auch kein Licht.
Dollaranz.
Die Meisten halten nur solange und soweit etwas von Toleranz, als
sie ökonomisch profitabel ist oder zumindest so erscheint.
Demonstrative Gesundheit.
Hypochonder sind leichter zu ertragen als Hyperchonder.
Scheinruhm der katholischen
Kirche.
Die auch von Carl Schmitt gerühmte und bewunderte Dauer der
katholischen Kirche und ihrer Macht erscheint unter einer globalen
oder gar evolutionären Perspektive weit weniger eindrucksvoll.
Davon abgesehen sagt die Länge der Zeit, in der bestimmte
religiöse Vorstellungen gegolten haben, nicht viel über
den Wert
ihres Inhalts aus. Die religiösen Vorstellungen der ihre Toten
sorgsam bestattenden Neandertaler, der zur Hochkunst fähigen
europäischen Altsteinzeitler, der sternenkundigen Megalithiker
oder auch der australischen Aborgines haben viel länger Bestand
gehabt als die Konzepte der sogenannten Hochreligionen. Sind sie
aber deswegen schon bewunderungswürdiger?
Unabgeschlossenes Wissen.
Marx erklärte die Kritik der Religion für abgeschlossen.
Dies war
noch ignoranter als die Meinung mancher Physikprofessoren am
Ende des 19. Jahrhunderts, die meinten, die Entwicklung dieser
Wisssenschaft sei im wesentlich beendet und neue Entdeckungen
nicht mehr zu gewärtigen.
Image des Potenten.
Carl Schmitt wird von manchen für einen für den
maßgeblichen
Juristen des Nationalsozialismus gehalten, von anderen für
den
geistigen Vater des Grundgesetzes, der Nato und der
Breschnew-Doktrin. Es ist zwar prinzipiell denkbar, dass sich
solche unterschiedlichen Bereiche tatsächlich von einer einzigen
Person herleiten, aber wesentlich wahrscheinlicher ist, dass
derartige Zuschreibungen bloß Ergebnis eines
mythologiesierenden Prozesses sind. Ich selbst halte Carl Schmitt
vor allem für den Vater - seiner Tochter Anima.
Glücklichsein
durch Halbblindheit.
Der Mensch ist nur dann glücklich, wenn er die Natur verkennt.
Dies kann man mit Fug und Recht gegen Holbach sagen. Die
Natur erzeugt zwar alles, woran sich Menschen freuen und was sie
glücklich machen kann, aber mit eherner Gewissheit vernichtet
sie
dies - früher oder später - auch wieder. Gerade dieser
zweite
Aspekt wird meistens nicht beachtet. Je weniger er beachtet wird,
je mehr man sich darüber Illusionen macht, desto größer
ist für die
Meisten das Glücklichsein.
Überzeuger.
Es waren nicht selten zölibatär und enthaltsam lebende
europäische Dichter und Denker, die am überzeugendsten
sein
wollten.
Kulturbiologisch.
Es wäre dem christlichen Europa biologisch und kulturell besser
bekommen, wenn nicht die uneheliche Geburt, sondern der
uneheliche und kinderlose Tod als Schande angesehen worden wäre.
Haus der deutschen Literatur.
Das Haus der deutschen Literatur ist noch lange nicht zu Ende
gebaut. Es gab zwar gute Schriftsteller, die Dach und Keller
hießen, aber Literaten namens Erdgeschoss oder Küche
sind mir
nicht bekannt.
Antigermanen.
Jene Amerikaner - speziell die Cowboys - , die in brutalster Weise
ihre Pferde zähmten, waren und sind vielleicht biologische
Nachfahren der vorchristlichen Germanen, aber sie sind nicht die
Erben jener germanischen und indoeuropäischen Tradition, die
in
den Pferden verehrungswürdige Wesen sah. Sie stehen
eher in der
geistigen Tradition derer, die die heidnische Verbundenheit von
Mensch und Tier für teuflisch erklärten.
Weltzentrum
Deutschland.
Am Ende des 20. Jahrhunderts sah ein so berühmter, geschätzter
und kluger Mann wie der tschechische Präsident Havel in
Deutschland immer noch das geistige Zentrum der Erde. Denn
wie anders sollte man seine Bemerkungen anläßlich des
Tages der
Deutschen Einheit verstehen: Wenn in Deutschland das Gute
herrsche, dann herrsche es auch in Europa und wenn in Europa,
dann auch in der Welt - und mit dem Bösen verhalte es
sich
genauso ? Liegt darin eine eurozentrische Verblendung oder nicht
doch mehr als ein Körnchen Wahrheit? Oder wird ein solcher
Gedanke geäußert, um damit ein universelles Eingriffs-
und
Einmischungsverhältnis in deutsche Verhältnisse zu rechtfertigen?
Vorbildwirkung der Kultur.
Je geringer das allgemeine geistige Niveau, desto niedriger ist
bei
den Einzelnen die Vorstellung von dem, was sie selbst leisten
können. Wer noch nie davon gehört hat, dass man eine
Marathondistanz in einem Stück laufen kann, der würde
sich dies
vermutlich selbst, immer kürzere Strecken trainierend, auch
nicht
zutrauen. Je genauer ich die gewaltigen kulturellen Schöpfungen
deutscher Dichter und Denker kennenlerne, desto eher traue ich
mir solche Leistungen auch selbst zu. Andererseits: Würde
ich mir
dies nicht ohnehin zutrauen, dann nützte mir auch die Kenntnis
aller großen Deutschen nicht viel.
Auslese und Standhalten.
Wer sich nicht bewegen lässt, darf dann nicht träge genannt
werden, wenn viele an ihm zerren und er seinen Standpunkt gegen
großen Widerstand behauptet. So ist jener Teil der Bevölkerung,
der sich in seiner Heimat behauptet, jedenfalls dann keine negative
Auslese, wenn dieses Behaupten Zeichen von größerer
Kraft ist.
Weggehen und Wegziehen sind dann nicht Formen von
Überlegenheit, wenn sie die bequemeren Alternativen sind.
Aber
es sind oft die nur die Klügeren, die erkennen, dass es die
bequemeren Alternativen sind.
Gottesfurcht und Gottvertrauen.
Es besteht eine innere Notwenigkeit, dass in denjenigen Gott das
größte Vertrauen gesetzt wird, der imstande ist, die
größte Furcht
hervorzurufen. So hat das Christentum mit seiner Höllenlehre
durch die Jahrtausende bei vielen Menschen eine derart große
innere Verunsicherung hervorgerufen, dass diesen Menschen nur
übergroßes Gottvertrauen als seelische Überlebensmöglichkeit
blieb. Vielleicht hat schon Jesus Gott in so ausgeprägter
Weise als
den liebenden Gott dargestellt, weil er mehr als Andere Angst vor
diesem unbekannten Vater hatte.
Zur Politik des
Betens.
Gott lässt sich, wie viele Erfahrungen gezeigt haben, von
Mehrheitswünschen nicht beeindrucken. Er ist kein Demokrat.
Nirgendwo ist die Opposition machtloser als im Himmel. Aber
dadurch wird Diktatur noch nicht zum Paradies.
Aphorismus und Erläuterung.
Auch die besten und kürzesten Aphorismen könnten eigentlich
immer noch viele erläuternde Sätze vertragen - aber sie
wollen
sich nur höchst widerwillig erläutern lassen.
Was einer trägt.
Der Eine trägt die Züge seines verstorbenen Vaters, der
Andere
den Nobelpreis und ein Dritter beides. Wenn einer einen Preis
gewinnt und zugleich seinem Vater oder seiner Mutter sehr ähnlich
sieht, dann sollte man klar erkennen, daß auch diesen ein
Teil des
Preises gebührt. Besser wäre es, wenn man dies auch dann
wüßte,
wenn die Unterschiede groß sind.
Friedensbauchweh.
Es gibt Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und andere Leiden, die
mit Ausbruch eines Krieges verschwinden. Von diesen
Friedensleiden wagt man angesichts der Kriegsleiden aber kaum zu
reden. Niemand kann zur Behebung seiner Leiden
gesellschaftliche Veränderungen verlangen, wenn diese
Veränderungen ihn zwar heilen, dafür aber gleichzeitig
eine
größere Zahl anderer Menschen krank machen würden.
Hochkultur.
Es gehört gerade nicht zum Kriterium für eine Hochkultur,
dass
sie in unveränderter Form möglichst lange besteht.
Form der Erinnerung.
Mit zunehmendem Abstand beginnt man allzu leicht, das Vergangene
der
Schönheit zu verdächtigen.
Die beleidigenden Opfer.
Wer glaubt, für eine gerechte Sache zu kämpfen, empfindet
es
schnell als Beleidigung, wenn man ihn auf die Opfer seines
Kampfes hinweist. Gute Gewissen hassen die unschuldigen Opfer
am meisten.
Hochmut der Zivilisierten.
Die Römer konnten sich nicht vorstellen, dass in der Sprache
der
Barbaren der teutonischen Urwälder einmal die tiefsten Gedanken
ausgedrückt werden würden.
Blutiger Anfänger.
Er wollte eine Erzählung schreiben mit dem Titel: Das Blut
der
Tochter des Schächters - aber er erkannte bald, dass
dieses Blut
sein Gehirn überfluten würde. Und um nicht zu ertrinken,
beendete er das Schreiben unmittelbar vor dessen Beginn.
Die männlichen Gehirne.
Männergehirne sind im Durchschnitt größer als Frauengehirne.
Wozu dient den meisten Männern ihr größeres Gehirn?
Sich ganz
viele Gedanken zu machen - über Frauen.
Stärker als der Zeitgeist.
Dem Zeitgeit gilt zu Unrecht größere Aufmerksamkeit
als dem
Raumgeist. Dieser prägt die meisten Menschen stärker;
außerdem
bestimmt der Raum, in welcher Weise sich der Zeitgeist entfalten
kann: Jeder Raum hat seine eigene Zeit.
Ein anderes Gleichnis.
Hätte Platon seine Philosophie auch in einem
Nasenhöhlengleichnis unterbringen können? Oder wäre
ihm bei
dieser Vorstellung das Denken davongelaufen? Bilder können
Gedanken auf- und davonscheuchen; darin liegt ein Teil der Macht
der Schriftsteller.
Canettis Aufzeichnungen.
Eines der Lieblingstiere dieses großen Sprosses spanischer
Juden
war der Infinitiv. Vielleicht, weil der Infintiv sich am schwersten
zähmen lässt und nicht leicht zum Haustier gemacht werden
kann.
Woran man Dichtung nicht erkennt.
Von Emily Dickinson stammt eine höchst dramatische Definition
dessen, was Dichtung sei. Sie schrieb, wenn sie ein Buch lese und
es mache ihren ganzen Körper so kalt, dass kein Feuer sie
überhaupt wärmen könne, dann wisse sie, dass dies
Dichtung sei.
Wenn sie sich körperlich so fühle, als würde ihr
die Spitze des
Kopfes weggenommen, dann wisse sie, dass dies Dichtung sei.
Sonst kenne sie keine Art, Dichtung zu erkennen. Ein Glück,
dass
es den meisten Dichtern anders ergeht und ergangen ist. Woran sie
Dichtung erkennt, daran erkennt man besser das Signum einer
krankhaften Denkweise. Wer Dichtung auf solche extremen
psychophysischen Reaktionen beschränken will, stellt sie in
eine
Ecke der kulturellen Welt, wo sie von klugen und
ernst zu nehmenden Menschen nur noch als abseitiges und damit
letztlich völlig belangloses Phänomen registriert wird.
Es ist kein
Wunder, dass auf eine solche Sichtweise all diejenigen positiv reagieren,
die Dichtung im Grunde hassen, auch wenn sie sich, etwa
als
Literaturwissenschaftler, zeitlebens damit befassen.
Der neugierige
Gott.
Die Mücke, die jetzt auf dem Monitor sitzt und die Zeilen
abläuft, als
wolle sie lesen: In alten Zeiten hätte man sie für einen
neugierigen
verkleideten Gott gehalten, der gespannt wartet auf das, was da
noch kommen mag ...