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Die Madonna zwischen den Fronten

Es ist die Nacht vom 30.April zum 1. Mai - auf dem Marktplatz einer rheinischen Stadt. Zehntausend junge Menschen singen: "Maria, Maienkönigin,...." Nicht nur dem Land und den Menschen, auch ihr, der Jungfrau Maria, allen Heiligen, der Kirche und Gott fühlte ich mich fremd. So stand ich abseits, äusserlich kühl, glaubte ich, vieles besser zu wissen und mich nicht von diesen Dingen beeindrucken zu lassen oder beugen zu können. Um nicht von dem innerlich aufsteigenden Gefühl der Traurigkeit ergriffen zu werden, wandte ich mich, um zu gehen; als mich jemand an der Schulter fasste. Es war ein französischer Offizier. Mit der Besatzungsbehörde hatte ich erst vor einigen Wochen unangenehme Erfahrungen gemacht, doch der Mann sagte etwas unsicher: "Verzeihen Sie", "Sagen Sie mir, ob ich träume: Waren Sie Infanterist im Krieg?" Ich wußte nicht, ob ich lachen sollte...."Ja!" "Mein Gott, wie soll ich fragen...haben sie an der Priseux-Ferme, am Brunnen die Madonna mit Blumen geschmückt? Sie wissen - 18! Im Mai, wie jetzt!" Er hatte mich an den Armen gefaßt und mich so lebhaft geschüttelt, wie seine Sprache war. In meinen Gedanken schwirrte es durcheinander. Der Brunnen - ja - ich hatte mich verlaufen. Der Brunnen lag unter ein paar Linden an einem Gebüsch, daneben stand eine alte verwitterte Marienstatue.
Ich schöpfte meine Feldflasche voll mit Wasser, trank etwas, und dann - es war ja so heiß damals - badete ich im Brunnen. Nachdem ich mich angezogen hatte, pflückte ich ein paar blühende Zweige und Blumen und schmückte damit die Marienfigur. Da mir dabei die Heimat einfiel, wo man zu dieser Zeit die Maiandacht feiert, kniete ich hin und betete.

Daraufhin nahm ich meine Geschirre und verschanzte mich wieder in den schützenden Laufgraben. Mehrere Lagen deutscher, schwerer Granaten heulten über mich hinweg und schlugen in und um die Gebäude der Ferme mit berstendem Getöse ein. Nach der Flucht in die eigenen Lager stellte sich heraus, daß ich an den falschen, außerhalb unserer Front gelegenen Brunnen gelaufen war.
Noch ehe ich den Franzosen fragen konnte, woher er mein Erlebnis wissen konnte, sprach er weiter: "Ja, ja, Sie sind es; Sie sind es! Ist es so?" In seiner Wohnung erzählte er: "In dem Gebüsch, von dem Sie Zweige brachen, haben wir gesessen. Zwei Korporäle und fünfzehn Mann. Als der Posten sie ankommen sah, wollte er schießen. Da ich annahm, daß Sie nicht allein zum Brunnen gelaufen sein würden, hinderte ich ihn daran. Der Posten vom Schnelladegewehr richtete andauernd seinen Lauf nach Ihnen, um Sie beim Verlassen des Brunnens anzurufen, und bei der Flucht, die Sie zweifellos versuchen würden, niederzuschießen. Die anderen verfolgten das Geschehen, wie ein makabres Theater. Mir selbst klopfte das Herz, obwohl ja der Krieg mit seinen unerbittlichen "Regeln" meine tägliche Erfahrung war.

Sie aber pflückten Blumen Brachen vor unseren Köpfen ein paar Zweige ab. Wir warteten was Sie tun würden. Die Madonna! In ihren Arm legten Sie die Blüten! Zu ihren Füßen knieten Sie hin!

Der Mann am Schnelladegewehr stieß sein Gewehr beiseite und starrte; unsere Augen weiteten sich und verloren sich in dem Bild des friedlich betenden Deutschen.
Erst als Sie beinahe an den schützenden Mauern der Ferme waren, erwachten wir aus unserer Betäubung. Der Posten hantierte am Magazin seines Gewehrs, ein anderer Mann blickte mich fragend an. Ich winkte ab.
Kaum waren Sie verschwunden, so stürzten wir aus den deckenden Büschen und traten zum Marienbild, das einige von uns bisher noch gar nicht gesehen hatten. Wir hielten ihre Blumen in der Hand, und hier - sehen Sie, in meiner Brieftasche dieses vertrocknete Blümchen im Papier - das haben Sie gepflückt! Ich trage es immer bei mir, es hat uns das Leben gerettet, wie auch vorher Ihnen!
Denn kaum waren wir herausgestürmt, um Ihre Blumen und die Madonna zu sehen, heulte es heran: erst vier, dann noch einmal vier Schüsse schweren Kalibers. Drei davon gingen mitten hinein in das Gebüsch, in dem wir noch vor wenigen Sekunden gestanden hatten. Wir blieben sämtlich unverletzt, während unsere Sachen und Gewehre, die dort geblieben waren, zerschmettert wurden.
Sie können sich denken, daß wir noch lange von Ihnen sprachen und heute, obgleich ich Ihr Gesicht kaum im Gedächntis hatte, erkannte ich Sie sofort wieder. Der Franzose und ich verabschiedenten uns als Freunde und in den nächsten Tagen standen wir nebeneinander in der Nähe des Marienaltars und feierten die Maiandacht. Ich stand mitten unter den anderen, mitten unter dem Mantel Mariens, die ihren Schutz all denen leiht, die sie darum bitten.
Jörg Breuer


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