Malediven

Badehose, Schnorchel und Taucherbrille genügen, um die Malediven zu entdecken Schon Ibn Battuta, der arabische Forschungsreisende, war außerordentlich beeindruckt. Von einer Reise auf die Malediven zurückgekehrt, schrieb er in seinen Reisenotizen: »Diese Inseln sind eines der Weltwunder.«

Ibn Battuta kam freiwillig auf die Malediven. Die ersten Reisenden dagegen, die von ihren Erlebnissen auf den Malediven berichteten, hatten oft genug unfreiwillig die Bekanntschaft mit dem »Königreich der vielen Tausend Inseln« gemacht. Und zwar als Schiffbrüchige. Denn als es noch keine exakten Seekarten gab, bildete die Inselkette der Malediven für viele Schiffe ein tückisches Hindernis. Wenn die Gestrandeten Glück hatten, gestatteten ihnen die Bewohner der Inseln, die Schiffe zu reparieren, und entließen die Schiffbrüchigen anschließend zur Weiterfahrt. Weniger Glück hatten jene, die man einfach dabehielt.

Rund 650 Jahre später: Die beiden Piloten der Boeing 767 - 300 meinen es gut mit uns. Bis zur Landebahn auf Hulule, die nur 2 km von der Hauptstadt Malé entfernt liegt, ist es zwar noch mindestens eine Stunde, dennoch haben wir schon jetzt die Reiseflughöhe verlassen. Ein paar Tausend Meter unter uns liegt das tiefblaue, glitzernde Meer. Der Anflug auf den einzigen internationalen Flughafen der Malediven wird so zu einem Erlebnis. Plötzlich wechselt die Farbe des Meeres, aus tiefem Blau wird mildes Türkis. Kleine weiße Schaumkronen brechen sich an den bis dicht an die Wasseroberfläche heraufwachsenden Korallenstöcken, und dann fliegen wir über ein erstes kleines Inselchen mit hohen, schlanken Palmen.

An Bord des Flugzeugs, das wir im kalten München bestiegen haben, ist es still geworden. Jetzt, runde zehn Stunden nach Abflug, drücken sich die Passagiere die Nasen an den Fenstern platt. Unter uns sehen wir das liegen, was sich gewöhnliche Sterbliche unter einem Paradies vorstellen. Der Pilot fliegt leichte Kurven, lässt die sich im gleißenden Sonnenlicht widerspiegelnden Tragflächen sanft mal nach links und mal nach rechts abkippen. Die fast unvermittelte Landung auf dem schmalen, grauen Asphaltband des Malé International Airport beendet die eindrucksvolle Demonstration.

Über die Entstehung von Atollen gibt es verschiedene Theorien, eine davon wird dem britischen Naturforscher Charles Darwin zugeschrieben: Er führt ihre Formung darauf zurück, dass eine ehemals vulkanische Insel langsam im Meer verschwindet, während das sie umgebende Riff gleichzeitig in die Höhe wächst. Ist die Insel von der Wasseroberfläche ganz verschwunden, wird sie zur Lagune, deren äußerer Rand der Riffring bildet. Dieser wiederum verfügt meist über einen, manchmal auch über mehrere Zu- und Abflüsse, durch die frisches Meerwasser strömt. Das Wasser erwärmt sich innerhalb des Riffrings und bietet den sonnen- und nährstoffhungrigen Korallen beste Wachstumsbedingungen.

Der österreichische Forscher und Meerestaucher Hans Hass setzte gegen diese bis weit ins 20. Jh. hinein geltende Darwin’sche Theorie eine andere Überlegung: Er führt die Bildung der Atolle allein auf das Wachstum der Korallen zurück. Betrachtet man die Form eines maledivischen Atolls, scheint seine Theorie am wahrscheinlichsten.

Die Basis eines Atolls (das Wort »atolhu« stammt übrigens aus der maledivischen Sprache) bildet der Meeresgrund, der nicht tiefer als maximal 40 m unter dem Wasserspiegel liegt. Darauf bilden sich kegelförmige Korallenstöcke, deren höchste Stellen allmählich veröden, weil sie nicht mehr genügend frisches Meerwasser erhalten. Dagegen wachsen die Ränder weiter in die Höhe und überragen nach einem Prozess, der viele Jahrhunderte in Anspruch nimmt, das Zentrum, um das herum sich die Lagune bildet. Die Inseln innerhalb eines Atolls entstehen auf ähnliche Art und Weise, man könnte sie deshalb als kleine Atolle bezeichnen. Atolle wie Inseln sind ständigen Veränderungen unterworfen, deshalb lässt sich die genaue Anzahl der maledivischen Inseln auch nicht exakt bestimmen.

Wetter- und Umwelteinflüsse spielen eine große Rolle, Stürme können besonders am ungeschützten, weil an der Windseite gelegenen Außenriff ganze Korallenbänke abreißen, sie an anderer Stelle zu neuen Inselchen auftürmen. Die Brandung ist naturgemäß am luvseitigen Außenriff am heftigsten. Da die maledivischen Inseln nur wenig über den Meeresspiegel hinausragen, sind Stürme gefürchtet. Allerdings besitzen sie nur selten eine solche Gewalt, dass sie Teile einer Insel wegspülen. Davor braucht sich der Besucher ohnehin nicht zu ängstigen, denn die Unterkünfte sind überall so gebaut, dass sie an der windabgewandten Seite der Inseln liegen und durch die davor liegende Lagune geschützt sind. Übrigens, der helle, feine Sand auf den maledivischen Inseln ist nichts anderes als von der Kraft des Wassers zermahlene Korallen.

Von der Theorie der Atollbildung zu jener der Namensentstehung: Der Name »Malediven« leitet sich vom Sanskritausdruck für Insel dwipa ab (singhalesisch diva), was so viel wie »Inselreich von Malé« heißt. Wenn man zudem den ersten Teil des Namens auf den Sanskritstamm mala (Kette) zurückführt, erhält man die Übersetzung »Inselkette«. Von den Maledivern selbst wird ihr Land liebevoll Dhivehi Raage (Inselreich) genannt.

Vor den Eintritt ins Paradies hat Allah den Schweiß und die Zollkontrolle gesetzt. Kaum haben wir die künstlich erzeugte und doch angenehme Kühle des Flugzeugs hinter uns gelassen, rollen die ersten Schweißperlen über die Stirn. Höflich, aber bestimmt kontrolliert der Zollbeamte das Gepäck. Schweinefleisch ist ebenso verboten wie die Illustrierte mit der barbusigen Schönheit auf der Titelseite.

Auf den Malediven ist der Islam Staatsreligion. Die ersten Besiedler der Malediven waren noch Buddhisten, erst von den um die Jahrtausendwende zugewanderten Arabern übernahmen sie die Lehre des Islam. Allen voran der seinerzeit amtierende Regent, der 1153, im Jahr seiner Bekehrung, die Lehre von Allah und seinem Propheten zur Staatsreligion erklärte. Dem zu Grunde liegt die Sage, dass Abu Barakath Yusuf - al - Barbary, ein arabischer Kaufmann aus Marokko, durch das Beten von Koranversen einen Dämon namens Ranna maari vertrieben haben soll, der seinen Blutdurst jeden Monat mit dem Blut eines Mädchens zu stillen pflegte. Dies überzeugte den Herrscher der Malediven so sehr, dass er zum Islam konvertierte.

Die Republik der Malediven besteht seit 1965. An der Spitze der Regierung steht seit 1978 Präsident Maumoon Abdul Gayoom, der im November 1998 für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt wurde. Enge politische Beziehungen bestehen zwischen den Malediven und Sri Lanka sowie Indien und den islamischen Staaten. Die maledivische Regierung pflegt eine Politik der strikten Neutralität.

Trotz mancher Bemühungen ist es dem Land nicht gelungen, sich neben dem Tourismus ein weiteres wirtschaftliches Standbein zuzulegen. Abgesehen von einigen »Werkbänken« für die singhalesische Textilindustrie, die einigen Hundert Einheimischen einen bescheidenen Broterwerb ermöglicht, gibt es auf den Inseln keine Industrie. Die Malediver leben vom Tourismus oder vom Fischfang. Viele Männer verlassen für elf Monate im Jahr ihre Familien, um auf den Hotelinseln zu arbeiten. Seit kurzem sind auch einige Frauen im Hotelsektor beschäftigt. Wer hier aber nicht unterkommt, dem bleibt nur die Fischerei.

Jahrhundertelang hatten die Malediver ihr Auskommen mit dem, was auf den Inseln und im Wasser wuchs. Um den Fisch haltbar zu machen, wurde er leicht angeräuchert und getrocknet,was ihm allerdings ein wenig appetitliches Aussehen gab. Deshalb war maledivischer Fisch kaum für den Export geeignet. Erst mit dem Aufkommen spezieller Fangschiffe, auf denen der Fisch gleich weiterverarbeitet werden konnte, gewann die maledivische Fischfangindustrie an Bedeutung.

Der nunmehr seit fast drei Jahrzehnten betriebene Tourismus ist an den Inseln im Indischen Ozean nicht spurlos vorübergegangen. Zu den ungelösten Problemen gehört nach wie vor der Müll, der mit den Touristen auf die Malediven kam. Wohin sonst, wenn nicht ins Meer? Die Folge: Bei ungünstigen Strömungen landet der Dreck oft vor der Nachbarinsel.

Auch die Unterwasserwelt trägt die Spuren menschlicher Neugier und des Drangs nach bescheidenem Wohlstand. Unberührte Korallenriffe gibt es kaum noch. Aber wer will es den Einheimischen verdenken, dass sie Schwarze Korallen brechen, weil man daraus den bei Touristen so beliebten Schmuck fertigen kann? Die Malediven zählen zu den ärmsten Ländern der Erde. Für jeden Dollar, den die Touristen auf die Inseln mitbringen, ist man dankbar. Rund 370 000 Urlauber besuchten die Inseln 1998; zum Vergleich: 1995 waren es erst 220 000. Drei Viertel der Gäste sind Europäer, wobei die Deutschen - gefolgt von den Italienern und Briten - an der Spitze stehen. Die restlichen 25 Prozent kommen zum größten Teil aus Asien (10 Prozent Japaner), einige wenige aus allen anderen Teilen dieser Erde.

Im Übrigen sollte man die maledivische Regierung dafür loben, dass sie bislang der Verlockung widerstand, möglichst viele Inseln für den Tourismus freizugeben. Auch wenn aus einem Touristenresort (1972) deren 91 (2 000) geworden sind und die Einnahmen aus dem Geschäft mit den Paradiessüchtigen nach wie vor im Wesentlichen unter den Mitgliedern der wenigen (fast) alles beherrschenden Großfamilien aufgeteilt werden.

In Malé angekommen, fahren die Besucher mit dem Boot zu »ihrer« Insel. Egal, um welche der 91 es sich handelt: Ein bisschen Land, bretteben, gerade mal ein oder zwei Meter über dem Meeresspiegel, mit Palmen und bunt blühenden Büschen drauf, Sandstrand drum herum, davor eine Lagune, die am Hausriff endet. Irgendwie sind alle Inseln gleich - und doch nicht. Der Unterschied aber ist schwer zu beschreiben, man muss sich selbst auf die Suche machen.

Rund 1 200 Inseln reihen sich von Nord nach Süd in dem etwa 760 km langen Archipel aneinander. Die genaue Zahl weiß niemand, weil die eine fast über Nacht auftaucht, die andere dafür im Meer verschwindet. Auch die Größe einer Insel ist »variabel«, da sie sich durch Stürme und andere Wettereinflüsse von heute auf morgen in ihrer Form verändern kann. Die größte der touristisch genutzten Inseln ist Kuramathi im Rasdhoo - Atoll. Um sie zu umrunden, braucht man immerhin eine Stunde. Die meisten Inseln sind aber gerade mal so groß, dass ein Spaziergang nicht viel mehr als zehn oder zwanzig Minuten in Anspruch nimmt.

202 Inseln sind bewohnt, von rundweg freundlichen, relativ hellhäutigen Menschen mit korallensandgeschrubbten und deshalb strahlend weißen Zähnen und glatten, bisweilen leicht gewellten Haaren. Auf den Malediven haben sich singhalesische, arabische und afrikanische Ethnien vermischt. Übrigens: Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 20 Jahre alt. Und die Lebenserwartung beträgt nicht mehr als gut 60 Jahre. Verschleiert sind auf den Malediven nur wenige Frauen.

Nach wie vor sieht es die Regierung nicht gerne, wenn der Kontakt zwischen Touristen und Maledivern zu eng wird. Deshalb sind nur wenige Einheimischeninseln für den Besuch freigegeben. Es ist daher auch nicht sinnvoll, auf eigene Faust Bootstouren zu unternehmen. Einen Dhoni - Linienverkehr zwischen den Inseln gibt es nicht.

Die wenigen zugänglichen Einheimischeninseln bieten keine besonderen Sehenswürdigkeiten. Im Gegenteil - Sie werden zu einer, vor allem für die Dorfjugend. Auf all diesen Inseln gibt es nicht viel mehr zu sehen als ein paar saubere Häuser entlang einer korallensandbedeckten Hauptstraße. Das typisch maledivische Haus ist wie auch die Umfassungsmauer aus einem Korallensand - Zement - Gemisch gebaut. Glasfenster sind selten, nur besser gestellte Malediver besitzen Häuser nach kontinentalem Vorbild. Der Zug der Zeit brachte es mit sich, dass auch die Dächer von einfachen Häusern heute kaum mehr mit Palmblättern, sondern mit Wellblech gedeckt werden. Ein fragwürdiger Fortschritt, denn das natürliche Baumaterial sorgte für ein gutes Raumklima. Die Ärzte stellen, seit Wellblech verwendet wird, eine deutlich größere Zahl an chronischen Erkältungskrankheiten fest.

Vorwitzig hinter einer Mauer hervorlugende Kinderköpfe, davorsitzende Alte mit einer Wasserpfeife - in einem maledivischen Dorf geht alles seinen gemächlichen Gang. Hektik ist den Bewohnern fremd.

Das größte und vornehmste Haus gehört meist dem Inselchef, einer Art Bürgermeister. Es besitzt Glasfenster und Klimaanlage, davor weht tagsüber die maledivische Flagge. Die Moschee ist ein reines Zweckgebäude, also einfach und schmucklos. Hier versammeln sich die Gläubigen zwei- bis viermal täglich zum Gebet. Das sehen viele Malediver nämlich nicht so eng: Dem einen genügen zwei Gebete pro Tag, während es der andere genauer nimmt und sein Leben streng nach den Regeln des Koran ausrichtet.

Jede Palme, jede Kokosnuss und jedes Fleckchen Land gehört zunächst einmal dem Staat - Privateigentum gibt es so gut wie nicht. Die Regierung ist aber freizügig, was die Nutzungsrechte angeht: Will ein Malediver ein Haus bauen, bekommt er sein Stückchen Land ohne große bürokratische Hemmnisse, muss aber binnen Jahresfrist mit dem Bau begonnen haben. Den dazu nötigen bescheidenen Wohlstand erwerben sich viele Malediver durch den Handel mit Kokosnüssen. Der Staat teilt jeder Familie so viele Bäume zu, wie sie für ein einigermaßen sorgenfreies Leben braucht. Ansonsten: Der Fisch kommt aus dem Meer, und was man außerdem zum Essen braucht, wie z. B. Reis, wird importiert und aus den Erlösen des Tourismus subventioniert.

Was Sie unbedingt auf die Malediven mitnehmen sollten? Das ist eine Frage, bei der Sie unter Beweis stellen können, dass sie noch in der Lage sind, der Zivilisation ein Schnippchen zu schlagen. Dem Autor jedenfalls genügen Badehose und ein paar T - Shirts, Flossen, Schnorchel und die Bücher, die er schon lange lesen wollte. Oder brauchen Sie etwa mehr? Vergessen Sie es!